Die Liberalen beschäftigten sich 2003 mit sich selbst
Die FDP rückt wieder an die Seite der Union

"Den alten Guido" wollen sie wiederhaben, ließen die Liberalen ihren Parteichef unlängst wissen. Wie "der alte" denn sein soll, blieb allerdings unklar. Deutlich geworden ist nur eins: Die FDP ist in diesem Jahr fast wieder die alte geworden - die kleine Partei an der Seite der Union. Vorbei die "Strategie 18", die die FDP bei der Bundestagswahl 2002 ins Abseits führte, Schluss mit lustig in der Guido- Mobil-gezogenen Spaßpartei, vorbei auch der Traum von der unabhängigen Partei, die sich nicht länger an die Union bindet.

HB BERLIN. Nach dem "Seuchenjahr" 2002 (Parteivize Walter Döring) - der von Jürgen Möllemann entfachten Antisemitismus-Debatte, dem nachfolgenden Spendenskandal, dem 7,4 %-Desaster bei der Bundestagswahl und der Aussicht auf vier weitere Jahre in der Opposition - lag die Partei beim traditionellen Dreikönigstreffen im Januar in Agonie. Hilflos versuchte Guido Westerwelle einen neuen Höhenflug, träumte wieder von der "ersten Liga" der Parteien, in die er die FDP führen wollte. Doch die Liberalen konnten es nicht mehr hören und wollten wieder zu vertrauten "Inhalten, Inhalten, Inhalten".

Doch zunächst sollte Möllemann über Monate die Agenda diktieren. Nur wenige Tage nach den Wahlerfolgen in Hessen und Niedersachsen erlebt Westerwelle in Düsseldorf die größte Niederlage des Jahres, als die Landtagsfraktion gegen den Ausschluss des Münsteraner Quertreibers stimmt. Der Kampf mit dem einst starken Mann hinter Westerwelle - Rauswurf aus der Bundestagsfraktion, Parteiausschlussverfahren, dem er sich durch Austritt entzieht, mühselige Aufklärung der Parteispendenaffäre, Angst vor einer Möllemann-Partei - endet erst, als dieser am 5. Juni in den Tod springt. Parallel üben sich die Liberalen in Zerstrittenheit, zeitweilig muss der 2001 an die Spitze gekommene junge Parteichef gar um seine Wiederwahl fürchten. Auf dem Bremer Parteitag übt er öffentlich Selbstkritik und wird mit nicht einmal 80 Prozent bestätigt.

Doch die Wellen der Unzufriedenheit schwappen in schöner Regelmäßigkeit durch die kleine Partei, die die Opposition noch immer als Zumutung empfindet. Im Herbst ist erneut von "desolater Lage" die Rede und davon, dass der Chef mutiger und bissiger sein soll - weniger ängstlich und oberflächlich. Massiv wie nie zuvor ertönt der Ruf nach Abkehr von der Klientelpolitik. Westerwelle stürmt vor, ruft die "freie und faire Gesellschaft" aus - und beendet zugleich die Doktrin von der Äquidistanz zu möglichen Koalitionspartnern. Als er sich kurz darauf mit Angela Merkel und Edmund Stoiber zum "Oppositionsgipfel" trifft, geht das Signal auch TV-technisch klar: Die FDP steht wieder fest an der Seite der Union.

Inhaltlich jedoch ist sie weiterhin verzichtbar. Gewiss hat sie sich ein klein wenig bewegt, in weiten Teilen jedoch lediglich in Richtung Mainstream. Impulse sucht man bei der FDP auch weiterhin vergebens.

Das ganz große Rad wollte Westerwelle zur Präsidentenwahl drehen - ohne die FDP läuft nichts, verkündete er. Doch alles, was lief, waren die sich widersprechenden Interviewäußerungen der Liberalen, wen sie denn gern an die Spitze des Staates stellen würden - wenn sie denn jemand ernsthaft fragen würde. Weil das aber weder Union noch SPD in den Sinn kam, musste der FDP-Chef die Ankündigung, Anfang Dezember einen Namen zu nennen, kleinlaut wieder einsammeln.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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