Die Liberalen gestehen ihre Niederlage ein
FDP: Möllemann wird zum Sündenbock

Die FDP hat ihre Wahlziele verfehlt. Zur Strafe soll Jürgen Möllemann von der Parteispitze verdrängt werden. Aber auch Parteichef Guido Westerwelle darf sich keine weitere Niederlage mehr leisten.

BERLIN. Guido Westerwelle muss das Wahldebakel für seine FDP gespürt haben. Er habe in der Nacht wegen der Anspannung schlecht geschlafen, sagte er den Journalisten, als er schon am frühen Morgen kurz nach der Öffnung der Wahllokale zuhause in Bonn seine Stimme abgab.

Am Abend kam es knüppeldick für die Liberalen und ihren Vorsitzenden. Die Parteispitze hatte sich hinter verschlossene Türen zurückgezogen, als Fernsehanstalten bereits das Desaster für die FDP veröffentlichten. Bei den Funktionären und Mitarbeitern, die zu einer Siegesfeier ins Berliner Thomas-Dehler-Haus geeilt waren, machte sich Trauerstimmung breit. Alle Messlatten wurden gerissen. Von Kanzlerschaft, die Kandidat Guido ja offiziell anstrebte, war schon lange keine Rede mehr. Vom Projekt 18 war nur noch auf den T-Shirts der Hostessen einer Werbeagentur zu lesen. "Aber die Werbung war toll", prangte dort in großen Buchstaben. Besonders tragisch empfanden es viele Liberale, dass ihr härtester Konkurrent, die Grünen, locker an ihnen vorbeigezogen waren. Da war es auch kein Trost, dass das Ergebnis immerhin besser aussah als die 6,2 % die Klaus Kinkel vor vier Jahren geholt hatte.

Westerwelle redetete nicht drumherum, als er nach Sieben vor die Mikrophone trat und nannte das Ergebnis enttäuschend. "Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben", sagte er unter "Guido"-Rufen seiner Anhänger, die ebenso wie er den Schuldigen längst ausgemacht hatten: Jürgen W. Möllemann. Das Präsidium saß schon seit halb fünf über das enfant terrible zu Gericht, der kurz vor der Wahl seine Tiraden gegen Israel und seinen Intimfeind Michel Friedman, den Vize der Juden in Deutschland, neu entfacht hatte.

Jetzt rächte es sich, dass Westerwelle nicht schon bei den ersten Attacken Möllemanns gegen den jüdischen Staat und seine Repräsentanten den underdog aus seinen hohen Parteiämtern verbannt hatte. Nicht wenige Parteifreunde werfen ihm deswegen mangelnde Führungskraft vor.

Nun wird das Tischtusch mit dem Münsteraner zerschnitten. Das Präsidium habe "einstimmig Jürgen Möllemann gebeten, sein Amt als stellvertretender Parteivorsitzender zur Verfügung zu stellen", tönte der Chef. Zur Begründung "nur so viel: Es muss in einer Führung so sein, dass man vertrauesnvoll zusammenarbeitet."

Der Ausgestoßene gab sich noch nicht geschlagen. Er hatte an der Präsidiumssitzung noch für seinen Standpunkt gekämpft, an der Abstimmung aber nicht mehr teilgenommen, weil er seine politische Hinrichtung nicht miterleben wollte. Dies sei die bitterste Stunde während seiner Mitgliedschaft und Mitarbeit in der FDP, verbreitete Möllemann, entgegen seiner sonstigen Art zunächst nur schriftlich. Zu dem Beschluss werde er sich heute im FDP-Vorstand äußern. Diese Gremium ist wesentlich größer als das Präsidium. Hier kann Möllemann noch auf den ein oder anderen Fürsprecher wie den schleswig-holsteinischen Landesvorsitzenden Wolfgang Kubicki rechnen.

Daneben setzt Möllemann in dem Machtkampf mit Westerwelle auf die Unterstützung seines Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Nicht umsonst hatte er noch gestern seine Parteifreunde an Rhein und Ruhr daran erinnert, dass sie ohne ihn schon einmal aus dem Landtag geflogen waren. Und er erinnerte daran, dass niemand anderes als Möllemann es war, der die Partei mit einem grandiosen Wahlerfolg zurück in den Landtag geführt hatte. Zumindest in Nordrhein-Westfalen ist niemand zu sehen, der Möllemanns Position in der Partei ausfüllen könnte.

Westerwelle hat nach dem gestrigen Präsidiumsbeschluss zwar dafür gesorgt, dass Möllemann von der Spitze der Bundespartei verschwindet, notfalls durch Abwahl auf einem Sonderparteitag. Bleibt er Parteichef in Düsseldorf, ist der Schrecken für den Bundesvorsitzenden aber noch nicht zu Ende, so lehrt es die Erfahrung. Und wenn der Prügelknabe Jürgen Möllemann erst weg ist, kann es in der nächsten Runde auch für Guido Westerwelle eng werden.

Nicht wenige Liberale kritisieren nämlich hinter vorgehaltener Hand auch dessen "Wahlkampf der Luftnummern". "Wenn man nicht schlafen kann, soll man laufen gehen", hatte Westerwelle am Morgen nach seiner Stimmabgabe gesagt. Das sollte nur sagen, dass er sich zum Joggen aufmachte. Aber es lässt auch Raum für politische Interpretationen.

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