Die Märkte spekulieren auf eine weitere Zinssenkung durch die amerikanische Notenbank – aber viel Spielraum hat sie nicht mehr
Greenspan hält sein Pulver noch trocken

Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank Federal Reserve, baut noch auf das Prinzip Hoffnung: Die Konjunktur springt wieder an. Sollte es jedoch einen Irak-Krieg geben und die Wirtschaft nicht von alleine Tritt fassen, wird er nach den Erwartungen von Wall Street die bereits niedrigen Zinsen noch einmal kräftig senken.

NEW YORK. Die zwei mächtigsten Männer Amerikas haben ihre Finger am Abzug. US-Präsident George W. Bush bereitet einen Krieg gegen den Irak vor. Notenbank-Chef Alan Greenspan steht bereit, um der Wirtschaft, die unter einem Ölpreisschock und allgemeiner Klimaverschlechterung leidet, mit einer weiteren Zinssenkung neues Leben einzuhauchen. Nur wenige Ökonomen an der Wall Street glauben jedoch, dass die Federal Reserve (Fed) bereits bei ihrer nächsten Sitzung am kommenden Dienstag zur Tat schreiten wird.

Sollte nach einem möglichen Krieg indessen die Konjunktur nicht wieder alleine Tritt fassen, wird die Fed die Zinsschraube noch einmal kräftig lockern. Bill Dudley, Chefökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York, rechnet in diesem Fall mit einer schnellen Zinssenkung von 0,5 Prozentpunkten bereits vor der Fed-Sitzung Anfang Mai. "Wenn die Konjunktur im März keine Besserung zeigt, wird die Fed nicht bis zum 7. Mai warten wollen", sagt Dudley. Die Leitzinsen in den USA stehen mit 1,25 % bereits auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 40 Jahren.

Offiziell bleibt die Fed bislang bei ihrer abwartenden Haltung. Greenspan hatte sich zuletzt sogar optimistisch geäußert, dass die Wirtschaft wieder auf die Füße komme, sobald die Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Irak-Konflikt beseitigt seien. Der Fed-Chef sprach sich deshalb gegen übereilte geld- oder fiskalpolitische Hilfen aus. Inzwischen hat sich jedoch die konjunkturelle Lage deutlich verschlechtert.

Ökonomen rechnen deshalb damit, dass die Fed am Dienstag Handlungsbereitschaft signalisieren wird. Das kann entweder dadurch geschehen, dass sie ihre derzeit neutrale Konjunktureinschätzung ändert und die Risiken für das Wachstum hervorhebt. Möglich ist auch, dass die Notenbanker ankündigen, die weitere wirtschaftliche Entwicklung genau zu verfolgen. Damit würden sie ihre Bereitschaft deutlich machen, die Leitzinsen notfalls vor der Sitzung im Mai zu senken.

Die Terminmärkte haben für die Zinskontrakte im Juni mit einer Wahrscheinlichkeit von 58 % eine Zinssenkung von 25 Basispunkten eingepreist. Auch auf den Eurodollar-Märkten wird eine Lockerung der Geldpolitik in den USA bereits vorweggenommen. Zusätzlich befördert wurden die Zins-Spekulationen durch Äußerungen von William Poole, Präsident der Fed in St. Louis. Er hatte die schlechten Arbeitsmarktzahlen im Februar als Anlass für eine Lockerung ins Spiel gebracht. Poole ist derzeit jedoch kein stimmberechtigtes Mitglied des Offenmarktausschusses.

Der Hinweis des Notenbankers zeigt jedoch, dass der Druck auf die Fed von zwei Seiten wächst. "Es ist die Kombination von geopolitischen Risiken (Irak-Krieg) und einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Daten", sagt Joseph Shatz, Marktstratege bei der Investmentbank Merrill Lynch. Signalisierten die Konjunkturindikatoren im Januar noch eine wirtschaftliche Erholung, hat sich das Bild im vergangenen Monat deutlich eingetrübt.

Die Konsumnachfrage schwächelt, das Verbrauchervertrauen geht dramatisch zurück und die Beschäftigung ist um mehr als 300 000 Stellen gesunken. Hinzu kommt der starke Anstieg des Ölpreises auf mehr als 36 $ für ein Fass Rohöl. "Ein Energie- und Stimmungsschock hat die US-Wirtschaft an den Rand einer Rezession gebracht", konstatiert Richard Berner, Ökonom bei der Investmentbank Morgan Stanley. Er rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von weniger als 1 % im ersten Halbjahr 2003.

Der steigende Ölpreis bereitet der Notenbank in zweifacher Hinsicht Kopfzerbrechen. Hohe Energiekosten dämpfen nicht nur den privaten Verbrauch, sondern wirken gleichzeitig auch als Preistreiber in der Wirtschaft. Bislang hat das die Kerninflation jedoch noch nicht nach oben getrieben.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist der schwindende Spielraum für weitere Zinssenkungen. Mit 1,25 % liegt die Marke bereits gefährlich nahe der Nulllinie. Das heißt, bei einer erneuten Rezession könnte das Pulver schnell verschossen sein. Die Fed könnte dann weitere Liquidität nur noch mit unkonventionellen Methoden wie dem Aufkauf von langlaufenden Staatsanleihen in die Wirtschaft pumpen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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