"Die meisten Aktienanleihe-Anleger sitzen auf deftigen Kursverlusten“
Derivate: Schwierige Balance

Der Grat zwischen Gewinn und Verlust ist bei Aktienanleihen und Discountzertifikaten schmaler, als manchem Anleger vorschwebt.

DÜSSELDORF. Kursfeuerwerk an der Börse, die Aktienkurse schießen in die Höhe - nein, Sie haben nichts verpasst. Das war einmal. Bis es wieder soweit ist, bieten sich Aktienanleihen und Discountzertifikate als Alternative zum direkten Aktienkauf an. "Mit beiden Instrumenten setzen Anleger auf seitwärts tendierende statt steigende Aktienkurse", erläutert Wolfgang Gerhardt, Derivate-Experte des Bankhauses Sal. Oppenheim.

Wer ein Aktien-Discountzertifikat kauft, zahlt einen Preis unter dem aktuellen Kurs, so dass bei sinkendem Aktienkurs erst ein Verlust entsteht, wenn der Discount aufgezehrt ist. Steigt der Kurs, kappt die Bank die Gewinne des Anlegers nach meist 18 bis 24 Monaten Laufzeit durch den Cap genannten Höchstpreis.

Auf Aktienanleihen werden Zinsen gezahlt, die weit über denen einer Bundesanleihe liegen. Die hohen Zinsen sind der Ausgleich für das Risiko, statt des Nominalbetrages am Laufzeitende womöglich Aktien zu bekommen, die weit weniger wert sind als der ursprüngliche Einsatz. Denn die Bank wird vereinbarungsgemäß am Laufzeitende nach etwa 12 bis 18 Monaten immer die zuvor festgelegte Anzahl von Aktien liefern, wenn deren Kurswert unter der Anleiheschuld liegt.

Allerdings sind die Börsenumsätze mit Aktienanleihen nach Beobachtung von Holger Bosse, Leiter Zertifikate bei der Dresdner Bank, stark zurückgegangen. "Die meisten Aktienanleihe-Anleger sitzen auf deftigen Kursverlusten", stellt Bosse fest. Zwangsläufig, denn viele stiegen ein, als die Kurse noch deutlich höher lagen. Auch Inhaber von Discountzertifikaten haben die Balance verloren. Nur: Unter den Aktienanleihe-Käufern sei vielen nicht klar gewesen, dass sie zum Schluss womöglich nicht die üblichen 100 Prozent zurück bekommen, sagen Banker. Dagegen seien Aktien-Discountzertifikate von vornherein als Aktienderivate verkauft worden, und den Anlegern deshalb das Risiko bewusster gewesen.

Im Grunde genommen ist das Verlustrisiko in beiden Fällen etwa gleich und abhängig von der Aktie, die als Basis dient. Deshalb empfiehlt Gerhardt Anlegern mit Blick auf ihr Portfolio: "Aktienanleihen und Discountzertifikate immer auf die Aktienquote im Depot anrechnen."

Was für das Risiko gilt, gilt auch für die Rendite: "Die mit Aktienanleihen und Discount-Zertifikaten erzielbaren Maximalrenditen bewegen sich auf ähnlich hohem Niveau", sagt Michael Lindner, Produktentwickler bei der BHF-Bank. Voraussetzung: Die gleiche Aktie dient als Basis, die Laufzeiten sind etwa gleich lang, und es wird vom gleichen Basispreis und der gleichen Volatilität (Schwankungsbreite des Kurses) ausgegangen.

Bei der Aktienanleihe puffern hohe Zinsen Verluste ab, beim Discountzertifikat ist es der Kursabschlag. Kräftige Kurseinbrüche bringen beide Instrumente aus der Balance. Und bei beiden werden Kursgewinne begrenzt - durch den maximal möglichen Rückzahlungsbetrag bzw. den vorher feststehenden Cap-Preis. Doch welches Produkt soll ein Anleger wählen, wenn Rendite und Risiko sich kaum unterscheiden?

Dazu folgende Überlegungen: Wer in seinem Sparerfreibetrag noch Luft für die Zinsen einer Aktienanleihe hat, den stört nicht, dass sie steuerpflichtig sind. Der Inhaber von Discount-Zertifikaten erhält keine Zinsen, und Kursgewinne bleiben ab einem Jahr Restlaufzeit steuerfrei. Zudem: "Discount-Zertifikate gibt es bereits ab einem Stück, ein Vorteil für Kleinanleger, denn in Aktienanleihen müssen in der Regel mindestens 2 000 Euro investiert werden, stellt BHF-Experte Lindner heraus.

Trotzdem plädiert Oppenheim-Mann Gerhardt auch für Discount-Zertifikate, die weniger als ein Jahr laufen. Dies begründet er so: Mit dem Erwerb eines Discountzertifikats verkauft der Anleger der Bank eine Kaufoption auf eine Aktie. Zum Wesen einer Option gehört, dass der Wertverlust umso höher ist, je kürzer die Restlaufzeit währt. Insider sprechen vom "Zeitwertverlust" - für den Käufer eines Discountzertifikates ist dies ein "Zeitwertgewinn". Deshalb bleibt für den Anleger relativ umso mehr von der Optionsprämie, je kürzer die Restlaufzeit ist. "Anleger sollten nicht davor scheuen, Aktiendiscountzertifikate zu kaufen, die noch in diesem Jahr fällig werden", sagt der Sal.-Oppenheim-Experte. Dabei womöglich entstehende Spekulationsgewinne könnten viele Anleger mit Spekulationsverlusten aus dem vergangenen Jahr verrechnen.

Für Steueroptimierer sei unter diesem Aspekt auch die Aktienanleihe trotz steuerpflichtiger Zinszahlungen interessant, sagt Gerhardt. "Wer Verluste erleidet, kann Herrn Eichel noch im gleichen Jahr daran beteiligen." Aktienanleihen sind nämlich so genannte Finanzinnovationen. Für sie gilt die einjährige Spekulationsfrist für Wertpapiere nicht. Gewinne einer Finanzinnovation müssen vielmehr zu jeder Zeit versteuert werden. Umgekehrt mindern Verluste sofort die Steuerlast.

Wer sich für ein Produkt entschieden hat, sollte Angebote annähernd gleicher Ausstattung vergleichen. Dies gelingt am ehesten, wenn sie sich auf Standardwerte beziehen.

"Als Anleger würde ich beim Kauf eines Discountzertifikates darauf achten, dass der Cap nicht mehr als rund fünf bis zehn Prozent über dem aktuellen Kurs der Aktie liegt", rät Dresdner-Spezialist Bosse und stellt weiter fest: "Discountzertifikate mit einer sehr hohen maximalen Renditechance haben zwangsweise einen niedrigen Discount. Deswegen stellt sich in diesen Fällen für den Anleger die Frage, ob er nicht lieber gleich direkt in die Aktie investieren sollte."

Aus Expertensicht halten sich bei Aktienanleihen Chance und Risiko die Waage, wenn die Kurse knapp unter oder über 100 Prozent liegen. "Notiert die Anleihe deutlich über 100 Prozent, heißt es: Gewinne realisieren", sagt Oppenheim-Spezialist Gerhardt. Umgekehrt: Kurse deutlich unter 100 Prozent verheißen zwar hohe Renditen, doch ist die Gefahr umso größer, dass Aktien geliefert werden.

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