Die meisten Experten heben für General Elelctric die Daumen
GE: Der Koloss wankt nicht

Es war die Fülle, die plötzlich vielen Anlegern die Schweißperlen auf die Stirn trieb: Autofinanzierungen, Computertomographen, Containerhäuser, Flugzeugleasing, Fernsehsender, Gasturbinen, Glühlampen, Hypothekenkredite, Kraftwerke, Kühlschränke, Lebensversicherungen, Lokomotiven, Plastik. Und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Angebot von General Electric (GE), dem größten Börsenwert der Welt.

Nach den Bilanztricksereien, die dem scheinbar so gesunden Energiehändler Enron ein jähes Ableben bescherte und den Mischkonzern Tyco zur schleunigen Aufspaltung veranlasste, geriet auch der Mammutkonzern GE unter Generalverdacht: ein so weit verzweigtes Firmengeflecht mit rund 126 Milliarden Dollar Umsatz, 313 000 Mitarbeitern in über 100 Ländern und etwa 100 Übernahmen pro Jahr - da müssten zwangsläufig einige Bilanzleichen im Keller modern. Doch der neue Konzernchef Jeffrey Immelt konterte, indem er rasch die Vorhersage bekräftigte, GE werde 2002 seinen Gewinn erneut mit zweistelliger Rate steigern, und zwar um 17 bis 18 Prozent. Und er versprach mehr Transparenz im Zahlenwerk. Prompt erholte sich der Kurs. Die Aktie notiert wieder auf dem Niveau vor der Enronitis-Angst.

Bald dürfte sich herausstellen, ob GE die Anleger wirklich überzeugt. Der Konzern will einen detaillierten Einblick in den Geschäftsverlauf 2001 gewähren - und wenn der Jahresbericht so dick werde wie das New Yorker Telefonbuch, seufzte Immelt. Die Eckdaten sind bereits bekannt: GE steigerte den Gewinn, und zwar den Reingewinn, um elf Prozent auf rund 14 Milliarden Dollar - trotz Rezession.

Die meisten Experten heben für General Elelctric die Daumen

Im Detail will GE nun Umsatz und Betriebsgewinn nach 26 statt bislang 12 Geschäftsbereichen aufschlüsseln. So sollen etwa die Zahlen der stark wachsenden und konjunkturresistenten Sparte Medizintechnik separat ausgewiesen werden.

International tätige Konzerne wie GE mit zahlreichen Geschäftsfeldern und großem Appetit auf Akquisitionen haben zwar Spielraum in der Gestaltung der Bilanzen, wie in der Analystenzunft eingeräumt wird. "Die einzelnen Bilanzierungsmethoden sind ausgereizt worden, schon um das optisch saubere Gewinnwachstum der letzten Jahre zu erreichen", meint Matthias Eifert, Analyst für Industriewerte bei der DZ-Bank. "Aber ich denke, das war alles im Rahmen, und man muss nicht mit größeren Belastungen rechnen."

"Wir glauben, dass das Wertesystem der GE-Führung und die Kontrollkultur jegliche größere Unregelmäßigkeit ausschließt", erklärt Goldman-Sachs-Analyst Martin Sankey. Zudem besitze GE anders als der Energiehändler Enron reale Geschäfte und reale Vermögenswerte.

Ein Beispiel dafür, dass GE clever wirtschaftet, nennt Merrill-Lynch-Analystin Jeanne Terrile. Anders als viele Telekomausrüster, die ihren Verkauf mit riskanten Krediten an ihre Kunden angekurbelt haben, kassiert GE Abschlagszahlungen, etwa für Kraftwerkstechnik. Terrile zufolge hat GE allein dadurch acht Milliarden Dollar in der Kasse.

Analysten bescheinigen GE also eine vergleichsweise konservative Buchführung. Und nicht zuletzt gaben die Bonitätsprüfer von Standard & Poor?s GE einen Persilschein: Trotz eines deutlichen Abschwungs des Geschäfts mit Flugzeugtriebwerken bleibe die Bewertung unverändert, das heißt Bestnote.

Während die GE-Aktie 2000 und 2001 schlechter gelaufen ist als der Marktdurchschnitt, heben die meisten Börsenprofis nun den Daumen. DZ-Bank-Analyst Eifert sagt, das Management habe bewiesen, dass es immer neue Geschäftsfelder besetzen könne und habe auch in der rezessiven Phase mit guten Ergebnissen geglänzt. "Das fand ich recht überzeugend." Sein Urteil: Akkumulieren.

DIT-Fondsmanager Johannes Day erwartet, das die Gewinnprognosen bei der Vorlage des Jahresberichts tendenziell angehoben werden. Auch die jüngsten Zukäufe hält er für strategisch sinnvoll. So kauft GE für 1,8 Milliarden Dollar das Wasseraufbereitungsgeschäft des Spezialchemie-Konzerns Hercules und aus der Konkursmasse von Enron große Teile des Windenergiegeschäfts zum Schnäppchenpreis - beides zukunftsträchtige Geschäftsfelder.

Wie Day hält auch Goldman-Sachs-Analyst Sankey die Aktie für attraktiv bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis sei so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Der Gewinn dürfte deutlich steigen. 2002 sind nach Sankeys Ansicht die Bereiche Kraftwerke, Medizintechnik und Finanzdienstleistungen die Aktivposten. Zudem werde GE durch die verstärkte Nutzung des Internets in den Geschäftsabläufen viel Geld sparen. Auch wenn das Kraftwerksgeschäft 2003 abflaue, dürften dies jene Bereiche wettmachen, die unmittelbar von einen Konjunkturaufschwung profitierten: der Fernsehsender NBC über steigende Werbeeinnahmen sowie Haushaltsgeräte und der Bereich Plastik. Sankey bilanziert: GE ist unsere Aktie des Jahres 2002. Kursziel auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten: 70 Dollar.

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