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Die Methode Schrempp

Probleme bei Chrysler, Probleme bei Mitsubishi, weniger Geld für die Aktionäre: Aber Daimler Chrysler-Chef - Schrempp herrscht unangefochten. Niemand wagt Widerstand.

STUTTGART. Links vom Chef Jürgen Hubbert und Ekkhard Cordes, rechts Manfred Gentz und Dieter Zetsche: vier Topmanager, die alle selbst einen Konzern führen könnten. Aber die Daimler-Chrysler-Vorstände wissen, wem sie ihre Referenz erweisen müssen: "Wie Herr Schrempp schon sagte", leiten sie die meisten Antworten bei der Bilanzpressekonferenz im Februar fast stereotyp ein. Niemand wagt es, dem Mann an der Spitze die Show zu stehlen.

Jürgen Schrempp, 58, und seine Vision der Welt AG dominieren Daimler-Chrysler, als gäbe es all die Probleme nicht, die dem Konzern im vergangenen Jahr 700 Millionen Euro Verlust gebracht haben - die Milliardendefizite bei der US-Sparte Chrysler und beim Lastwagenbauer Freightliner etwa und den Schuldenberg beim Sanierungsfall Mitsubishi Motors, an dem der Konzern mit 37 Prozent beteiligt ist. Daimler-Chrysler kürzt den Aktionären sogar die Dividende, aber selbst Kritiker registrieren bewundernd, wie Schrempp alle im Griff hat: Vorstand, Führungskräfte und Aufsichtsrat.

Nur die Aktionäre dürften wieder laut werden. Rund 11 000 Daimler-Chrysler-Eigner werden heute zur Hauptversammlung ins Berliner Kongresszentrum kommen, und sie erinnern sich gut daran, dass ihnen Mister Shareholder-Value Schrempp nach der Fusion mit Chrysler den bestverdienenden Automobilkonzern der Welt versprach. Aber wer 1998 Daimler-Aktien kaufte, hat heute bis zur Hälfte seines Gelds verloren. Schrempp hat sich entsprechend intensiv auf die Hauptversammlung vorbereitet: In seiner Villa in Stuttgart-Degerloch studierte er am Wochenende einen 500-Seiten-Ordner, den ihm seine Mitarbeiter zusammengestellt hatten.

Eine der wichtigsten Stützen der Methode Schrempp wird das Aktionärstreffen heute leiten: Aufsichtsratschef Hilmar Kopper. Der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank hielt Schrempp auch Anfang 2001 die Treue, als die Chrysler-Misere sich beinahe wöchentlich verschlimmerte und intern schon über mögliche Nachfolgekandidaten spekuliert wurde. So verlängerte das Kontrollgremium Schrempps Vertrag im letzten Herbst überraschend um anderthalb Jahre bis zum Frühjahr 2005. "Schrempp und Kopper sind ein eingeschworenes Team", sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Schrempp informiert Kopper ständig über alle wichtigen Dinge, meistens per Telefon, aber auch bei regelmäßigen Treffen.

Der bullige Ex-Banker und der bullige Konzernchef passen zusammen. Beide sind keine Akademikertypen, sondern hemdsärmelige Macher. Solange Kopper Aufsichtsratschef ist, muss Schrempp um seine Macht nicht fürchten - zumal auch die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium weiter an die Vision der Welt AG glauben. Viele in der Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen erwarten, dass Schrempp noch einmal verlängern wird - oder zumindest als Aufsichtsratschef die Kontrolle behalten will.

Für die meisten der 3 000 Beschäftigten in Möhringen ist Schrempp allerdings unsichtbar. Nur der engste Mitarbeiterstab weiß, wann der Chef an seinem Schreibtisch im elften Stock sitzt. Er ist kein Volkstribun wie Chrysler-Chef Dieter Zetsche, und er geht nicht wie Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert mit Mitarbeitern in die Kantine zum Mittagessen.

Schrempps Instrumente sind dagegen Telefon und E-Mail. In 30 Jahren bei Daimler hat er ein riesiges Netzwerk aufgebaut. Hier holt er sich - oft an den Vorständen vorbei - ungefilterte Informationen und Fakten darüber, was im Konzern passiert. Ein Wissensvorsprung, den er nutzt, um enormen Druck auf seine Führungskräfte auszuüben. "Er ist ein Perfektionist und unerbittlich", schildert ein Möhringer Manager. Schrempp sei in der Diskussion impulsiv, direkt und brutal.

Auch im Umgang mit den Vorständen hat Schrempp seine eigene Methode: Widersacher müssen gehen. Seit Schrempp im Herbst 1999 Chrysler-Statthalter Thomas Stallkamp und ein Jahr später dessen Nachfolger Jim Holden gekippt hat, erntet er keinen wirklichen Widerspruch mehr. Stallkamp hatte sich Kritik am verlustreichen Zweisitzer Smart erlaubt. Die Amerikaner waren es zudem, die 1999 verhinderten, dass Daimler-Chrysler kurz nach der Fusion auch noch Nissan übernahm.

Mit solchen Querschlägern muss Schrempp nicht mehr rechnen. Wichtige Schlüsselpositionen hat der Firmenchef mit Weggefährten besetzt, die ihm seinen Aufstieg verdanken. Abstimmungsverfahren wie in der Politik sind im Daimler-Vorstand nicht üblich. "Es wird diskutiert, aber nachher macht Schrempp den Sack zu", berichtet ein Daimler-Manager.

Selbst für starke Persönlichkeiten sei es schwierig, Schrempp von einer einmal getroffenen Entscheidung abzubringen. In offener Runde sei dies fast ausgeschlossen: "Allenfalls unter vier Augen ist er anderen Argumenten zugänglich."

Doch nicht nur diese Unbelehrbarkeit macht Daimler-Führungskräften zu schaffen. So manchen schreckt auch das hohe Risiko, das Schrempp mit dem Aufbau eines Weltkonzerns eingeht. Immer wieder hat er in seiner Karriere viel gewagt. Nachdem er 1995 Edzard Reuter abgelöst hatte, stieß er in schnellem Tempo marode Firmenteile wie AEG oder den Flugzeugbauer Fokker ab. Er machte Schluss mit der Vision des integrierten Technologiekonzerns und ersetzte sie durch die Welt AG, einen Autokonzern, der auf den drei wichtigsten Märkten, Amerika, Europa und Asien, gleichermaßen stark verankert ist.

Zum engeren Kreis derer, auf die er dabei vor allem setzt, gehören nach wie vor der Strategiechef Rüdiger Grube, der schon bei der Einfädelung des Chrysler-Deals mit dabei war, sowie die Pkw-Vorstände Hubbert und Zetsche. Engen Kontakt hält Schrempp aber auch zu Nachwuchskräften wie Wilfried Porth, der für die Entwicklung der Führungskräfte verantwortlich ist.

Das "Küchenkabinett", von dem früher oft die Rede war, gibt es bei Daimler allerdings nicht - auch wenn Schrempps zweite Frau und Assistentin Lydia eine Schlüsselrolle im System des Konzernchefs spielt. Wer zu ihm will, muss erst einmal an ihr vorbei. Er hat sie auf die Topebene "E 2" knapp unterhalb des Vorstandes gehievt - eine Hierarchieebene, die bei Daimler-Chrysler nur wenige Frauen erreicht haben. "Sie ist keine Hillary Clinton von Möhringen", wird Lydia Schrempp zwar bescheinigt. Aber das Attribut, das ihr anhängt, ist auch nicht gerade schmeichelhaft für eine Managerin: sein "Wohlfühlfaktor".

Quelle: Handelsblatt

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