Die näherrückenden Wahlen behindern zusätzlich ein entschlossenes Eingreifen der US-Regierung
Clinton verfolgt aus der Ferne das Zerbrechen seines Nahost-Traums

US-Präsident Bill Clintons sah sich in Camp David im Juli ganz nah am Ziel seines Traums: vor dem Ende seiner Amtszeit noch einen Frieden im Nahen Osten zu vermitteln. Nun versucht er aus der Ferne mit einem Last-Minute-Einsatz rund um die Uhr nur noch, das Schlimmste zu verhindern. Ein entsetzter Clinton sagte am Wochenende alle Termine ab und widmete sich im Weißen Haus ganz der Vermittlung im Nahen Osten.

dpa WASHINGTON. Clinton war nach eigenen Angaben Freitagnacht "die ganze Nacht auf", um die Lage im Nahen Osten zu verfolgen und zu vermitteln. Um 03.00 Uhr morgens Washingtoner Zeit begann er sein Telefonmarathon in einem ersten Gespräch mit dem israelischen Regierungschef Ehud Barak. Dann folgten Telefonate mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat, dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak und mindestens drei weitere Gespräche mit Barak. Am Sonntagmorgen berichtete der Fernsehsender CNN, dass die hektische Aktivität unvermindert weitergehe.

Dabei geht es Clinton vor allem darum, harsche Schritte beider Seiten zu verhindern, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Auf die Frage, wie die US-Regierung Baraks Ultimatum an die Palästinenser beurteile, sagte ein Mitarbeiter des Weißen Hauses in der "Washington Post": "Wir arbeiten hart daran, dass es nicht so weit kommt. Wir wollen, dass sich die Lage beruhigt und nicht, dass eine Seite glaubt, sie müsse etwas Drastisches unternehmen."

Für Clinton bedeutet die Eskalation der Gewalt eine schmerzliche persönliche Niederlage. "Die Schüsse, die Bilder von Toten und Verletzten, das geht ihm ins DM, nachdem man einer Vereinbarung doch schon so nahe war", schildert ein Mitarbeiter aus der Umgebung des Präsidenten.

Dennoch hatte er zunächst lange nicht reagiert, als die Gewalt in Jerusalem am 28. September ausbrach. US-Außenministerin Madeleine Albright ging während ihres Aufenthalts in Frankreich nur so weit, den Besuch des rechtsgerichteten israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg als "kontraproduktiv" zu bezeichnen - ein mildes Urteil etwa im Vergleich zum französischen Vorwurf der "unverantwortlichen Provokation". Clinton selbst hatte sich tagelang nur begrenzt persönlich eingeschaltet und dabei offenbar jeden Anschein einer Schuldzuweisung vermieden.

US-Regierung ist hilflos

Inzwischen wird auch in der Umgebung des Präsidenten kein Hehl daraus gemacht, dass die US-Regierung schlicht hilflos ist. "Es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern was sie (die Israelis und Palästinenser) machen", fasste ein Beamter im Weißen Haus vor Tagen die wachsender Frustration der USA zusammen.

Ein guter Teil der Hilflosigkeit wird auf die näherrückenden Wahlen zurückgeführt. Das heißt, für Clinton hätte die dramatische Entwicklung im Nahen Osten zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Scharon beim Namen nennen und die israelische Gewaltanwendung als exzessiv zu verurteilen, was viele Amerikaner wünschen, könnte die jüdischen Wähler verprellen und Vizepräsident Al Gores Position im Wahlkampf schwächen. Und mehr: Die jüdische Bevölkerung spielt vor allem in New York eine große Rolle - dort, wo auch First Lady Hillary Clinton für einen Senatssitz kandidiert.

Kritiker weisen unterdessen darauf hin, dass Clinton keineswegs zimperlich gewesen sei, als er nach dem Gipfel in Camp David im Juli Arafats Unnachgiebigkeit geißelte. Das, so heißt es, könne dazu beigetragen haben, der Rechten in Israel Auftrieb zu geben und zu Schritten wie Scharons Besuch auf dem Tempelberg zu ermutigen. Auch vor diesem Hintergrund, so heißt es in der Umgebung des Präsidenten, wolle Clinton jetzt nicht riskieren, die Stimmung durch einseitige Schuldzuweisungen anzuheizen. So bleibt ihm nur, mit seiner sprichwörtlichen Hartnäckigkeit in weiteren Telefonaten zu versuchen, Barak und Arafat zum Einlenken zu bewegen.

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