"Die Nagelprobe ist bei 88 Cent."
Euro fällt wegen schwacher Aktien auf Dreimonatstief

Der Euro ist wegen anhaltender Sorge vor einem wirtschaftlichen Abschwung in der Euro-Zone und Verlusten an den Aktienmärkten am Donnerstag auf ein neues Drei-Monats-Tief unter 89 US-Cents gefallen. Viele Anleger nutzten den Dollar wegen der anhaltenden Talfahrt an den amerikanischen und europäischen Börsen als sicheren Anlagehafen, sagten Analysten.

rtr FRANKFURT. Der unerwartet starke Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindex am Vortag habe außerdem die Furcht verstärkt, die schwache US-Wirtschaft könne nun auch die Euro-Zone mit nach unten ziehen. Dazu hätten die Aussagen von EZB-Präsident Wim Duisenberg den Euro belastet, der die abwartende geldpolitische Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) bekräftigt hatte. Auch der Yen fiel gegen den Dollar auf einen neuen Tiefstand.

Im Referenzkursverfahren öffentlicher Banken wurde der Euro mit 0,8905 Dollar festgestellt. Zum Yen wurde der Euro mit 110,39 Yen nach 111,21 Yen am Vortag ermittelt. Der Dollar war zuvor bereits auf ein neues 22-Monatshoch von knapp 124 Yen gestiegen. Den schwachen Yen erklärten Händler auch mit der faktischen Rückkehr der Bank von Japan (BoJ) zur Nullzinspolitik. Der Zinsrückgang habe den Anreiz zur Aufnahme günstiger Yen-Kredite und Kapitalanlage in höherverzinsten US-Staatsanleihen erhöht.

Der Euro fiel bis auf 0,8869 Dollar und erreichte damit den niedrigsten Stand seit dem 19. Dezember 2000. Gegen 14.30 Uhr MEZ notierte die Gemeinschaftswährung mit 0,8897/01 Dollar. Eine Feinunze Gold wurde in London beim Vormittagsfixing mit 262,25 Dollar nach 262,0 Dollar am Vortag ermittelt.

Die führenden Aktienmarktindizes in Frankfurt, London und Paris lagen am Nachmittag zwischen zwei und drei Prozent im Minus. Aktienhändler begründeten die Kursverluste mit den schlechten Vorgaben der Wall Street nach einer von vielen Analysten als unzureichend eingestuften Zinssenkung der US-Notenbank Fed. Der Dow-Jones-Indes der 30 führenden US-Industriewerte war am Vorabend auf ein Zwei-Jahrestief gefallen.

"USA bieten weiterhin die besten Investmentmöglichkeiten"

"US-Aktien fallen zwar, aber nicht so viel wie andere Börsen, deshalb bieten die USA weiterhin die besten Investmentmöglichkeiten", sagte Shahab Jalinoos, Devisenexperte bei UBS Warburg in London. Auch der schwedische Finanzminister Ringholm sagte, die Wachstumserholung in Europa sei ein langwieriger Prozess. Dennoch erwarte er eine baldige Erholung des Euro-Kurses gegen den Dollar und hält sogar eine Parität noch in diesem Jahr möglich.

Auch die Äußerungen von EZB-Mitgliedern nach dem schwachen Geschäftsklimaindex am Mittwoch belaste die Gemeinschaftswährung, sagten Händler. "Der Euro hat einen Schlag abbekommen, weil der Markt jetzt die Reaktion der EZB auf den schwachen Ifo-Index beobachtet", sagte Kamal Sharma, Währungsexperte von der Commerzbank in London. Obwohl der Rückgang des Ifo-Indexes Analysten zufolge auf ein deutlich eingetrübtes Geschäftsklima hingewiesen hatte, hatte Duisenberg am Mittwochabend die zinspolitische abwartende Haltung der EZB bekräftigt. Der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser sagte dagegen, die Zeit für eine Zinssenkung sei langsam reif. Analysten zufolge teilen die Finanzmärkte die Zuversicht der EZB nicht, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone den negativen Einflüssen des US-Abschwungs widerstehen könne. Sie fürchteten dagegen immer mehr, die EZB gehe mit ihrem Zögern vor einer Zinssenkung unnötige Risiken ein.

EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing wies unterdessen in einem Interview mit dem "Wall Street Journal Europe" (Donnerstagausgabe) auf dämpfende Wirkungen der schwächeren US-Konjunktur hin. "Die Risiken für das Wachstum sind an der Abwärtsseite sicher gestiegen", sagte Issing. Die Unsicherheit habe in den vergangenen Wochen zugenommen. Zur Inflationsrate, in der Analysten derzeit das größte Hindernis für eine Zinssenkung der EZB sehen, sagte der EZB-Chefvolkswirt: "Die derzeitige Entwicklung der Inflationsrate ist noch immer Anlass zu Besorgnis, aber wir halten das für ein vorübergehendes Phänomen".

Nach Angaben von Wolfram Hartmann, Analyst von Cognitrend, sind jetzt für den Euro die Marken von 0,8850 und 0,88 Dollar die nächsten wichtigen Unterstützungen. "Die Nagelprobe ist bei 88 Cent. Wenn die Marke fällt, muss man sich warm anziehen", sagte er.

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