Die Narowa trennt die Städte Narva und Iwangorod
Vom Leben in einer geteilten Stadt

Hier hängt er also, der eiserne Vorhang. Und nächstes Wochenende, wenn der estnische Innenminister auf der Hermannsburg neben der estnischen Trikolore auch die mit zwölf gelben Sternen besetzte blaue Europa- Flagge hissen wird, fällt er noch tiefer. Dies ist der nordöstliche Vorposten der Europäischen Union.

NARVA/IWANGOROD. Zwei Spaten und eine verzinkte Gießkanne zieht Olga auf ihrem Handkarren hinter sich her. Sie geht über die Brücke der Freundschaft, sie nimmt Abschied von Russland, sie geht nach Estland. "Meinen Kleingarten in Russland gebe ich endgültig auf. Schon jetzt darf ich meine Kartoffeln und Äpfel immer nur kiloweise nach Estland bringen. Keine Wurst und keine Milch. EU-Norm", hüstelt sie verärgert. "Und wenn unser Land jetzt Teil Europas wird, wird es wohl noch schlimmer."

Gegen den stechenden Nordwestwind mit Wollmütze bewehrt, schiebt sich die Mittfünfzigerin vorbei an einem in der Sonne dösenden russischen Zöllner. Sie geht der Heimat entgegen oder so etwas Ähnlichem. Olga ist Russin, lebt in Estland, hat aber noch einen russischen Pass und ein graues Heftchen für die Grenzübertritte - den estnischen Ausweis der Staatenlosen.

350 000 Russen leben in dem 1,4 Millionen Einwohner zählenden Estland und nur 145 000 haben nach Estnisch-Sprachtests auch die Staatsbürgerschaft des kleinen Baltenstaats bekommen. 133 000 leben als Staatenlose oder - wie Olga - mit russischem Pass und Niederlassungsurkunde in Estland. Sie und fast eine Million Russen sind unter dem eisernen Vorhang durchgekrochen und werden als Bewohner des Baltikums EU-Einwohner.

Schon seit dem Mittelalter stehen sich zwei Trutzburgen an der Narowa gegenüber: Als der Deutsche Ritterorden nach dem Kauf des Landes vom dänischen König auf der Westküste die Hermannsburg errichtete, zog der damalige russische Herrscher, Iwan der Schreckliche, 1492 nach und ließ eine Ritterburg fast zehnmal so groß errichten. Mal wurde das Land von Russen erobert, mal von Schweden, mal war es unabhängig, dann sowjetisch. Und schließlich gehörte das Westufer des Grenzflusses zur Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, während Stalin das zuvor zu Estland gehörende Iwangorod der Russischen SSR zuschlug.

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