Die neue Arbeitswelt beginnt am Werkszaun
Für die VW-Autostadt hat die IG Metall mit Tabus ihrer Tarifpolitik gebrochen

Die Autostadt ist für VW mehr als ein Prestigeprojekt. Sie bedeutet den Aufbruch des Industriekonzerns in die Dienstleistungsgesellschaft. Die IG Metall geht den Weg mit und will beweisen, dass auch in der neuen Arbeitswelt Platz für Tarifverträge ist.

HB WOLFSBURG. Vor den Toren des Wolfsburger Volkswagen-Werks beginnt eine neue Welt. In der "Autostadt" ersetzen nicht nur Stahl und Glas die Backsteinarchitektur des sechzig Jahre alten Stammwerks, auch die Mitarbeiter haben so gar nichts mit Monteuren und Mechanikern in der Werkhalle gemeinsam. In der Mischung aus Freizeitpark und Auslieferungslager haben Berufe Konjunktur wie der "Customer Care Center Agent".

"Vor zwanzig Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich dafür mal eine Tarifgruppe finden müsste", sagt Hartmut Meine, Bezirksleiter der IG Metall in Hannover. Als es im vergangenen Jahr darum ging, einen Tarifvertrag für die 1 000 künftigen Mitarbeiter der Autostadt auszuhandeln, habe er auf nichts zurückgreifen können. Obwohl es unter dem DGB-Dach Gewerkschaften mit mehr Dienstleistungserfahrung gibt, gaben die Metaller, im Werk mit beträchtlicher Macht ausgestattet, den Fall nicht aus der Hand. Meine begründet das mit der Nähe des Servicebetriebs zur Industrie.

Das gleiche gelte für die Wolfsburg AG, ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Wolfsburg mit der Volkswagen AG. Auch mit ihr hat die IG Metall einen Tarifvertrag ausgehandelt, und auch dort wagte sie sich auf unbekanntes Terrain: Der Geschäftsbereich Personalservice der Wolfsburg AG ist nichts anderes als eine Leiharbeitsfirma - und die werden von Gewerkschaften bekanntlich wenig geliebt.

Der Metalltarif, das gibt Meine unumwunden zu, stößt bei moderneren Arbeitsformen schnell an Grenzen. So musste er sich damit anfreunden, dass Freizeitparks vor allem am Wochenende brummen. Der Gewerkschaftschef traf deshalb für den Dienstleistungsbereich ohne großen Theaterdonner Vereinbarungen, gegen die gestandene VWler sofort zu Tausenden auf die Straße gehen würden.

So gilt in der Autostadt das Wochenende als normaler Werktag. Im Werk nebenan versucht der Vorstand Jahr um Jahr vergeblich, wenigstens den Sonnabend zuschlagfrei zu bekommen. In der Autostadt beginnt zuschlagpflichtige Mehrarbeit nicht wie im Werk bei 38 Stunden pro Woche, auch wenn die Arbeitszeit im langfristigen Durchschnitt die gleiche sein soll. Überstundenlohn wird erst gezahlt, wenn eins von drei Kriterien erfüllt ist: Der Mitarbeiter hat entweder mehr als zehn Stunden pro Tag gearbeitet oder mehr als 48 Stunden pro Woche, oder es stehen mehr als 80 Überstunden auf dem Zeitkonto.

Von da an allerdings wird jede Stunde teurer. Autostadt-Chef Otto F. Wachs spricht denn auch davon, dass er gelegentlich "in die Realität zurückgeholt" werde. Dafür hat er zeitgemäße Kriterien für die jährliche Leistungszulage von maximal einem Monatsgehalt durchgesetzt - jetzt zählen Kundenfreundlichkeit und Serviceorientierung. Gewerkschafter Meine kann sich mit einem Stufenplan für die Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich trösten.



Unterschiedliches Geld für gleiche Arbeit

Auf dem VW-Gelände gibt es nun, was gewerkschaftliches Denken eigentlich nicht zulässt: Nahezu gleiche Arbeit für unterschiedliches Geld. So bringen VW-Mitarbeiter die Autos vom Band zum Auslieferungslager, von wo Autostadt-Mitarbeiter sie zum Kunden bringen. Mit einem Durchschnittseinkommen von 4 000 DM und weniger Zuschlägen liegen die Autostadt-Mitarbeiter spürbar unter dem Niveau ihrer Nachbarn im Werk.

Ein solches Nebeneinander sei aber die Ausnahme, sagt Meine. Er sieht auch die Wolfsburg AG nicht als Sprengsatz gegen den Haustarif für das Werk. Was wäre, wenn VW Mitarbeiter freisetzt, ihnen großzügig die Weitervermittlung via Wolfsburg AG anbietet, und die gleichen Leute als Leiharbeiter zurückkommen, - für weniger Geld? Das sei nicht möglich, sagt Meine, der VW-Tarif schließe betriebsbedingte Kündigungen aus. Dass solche Ideen der VW-Spitze aber nicht fremd sind, zeigte sich, als sie für befristet Beschäftigte solche Lösungen ins Gespräch brachte.

Trotz der Risiken ist Meine von seinem Weg überzeugt. Die Alternative seien schließlich tariffreie Zonen wie in anderen Freizeitparks und Leiharbeitsfirmen. Die Arbeitgeberseite ist ebenfalls zufrieden: "Dieser Tarifvertrag ermöglicht uns, die Autostadt zu führen", sagt Wachs. Was im Umkehrschluss bedeutet: Hätte die IG Metall den VW-Haustarif gefordert, wäre entweder der Tarif oder das Projekt gestorben. Die Autostadt bedeutet aber nicht nur 1000 Arbeitsplätze, sondern praktisch eine Bestandsgarantie für Werk und Konzernsitz.

Und noch einen Lohn erhält die IG Metall für ihre Flexibilität: Sie durfte sich den Autostadt-Mitarbeitern ausgiebig präsentieren und zählt gut zwei Monate nach der Eröffnung 135 neue Mitglieder.



Autovision Wolfsburg

Vor zwei Jahren machte VW der Stadt Wolfsburg ein Geschenk zum sechzigsten Geburtstag: Man werde die Arbeitslosigkeit von zur Zeit zehn Prozent gemeinsam halbieren. Ein Teil dieses Projekts "Autovision" ist die Autostadt, die aber schon länger geplant war.

Direkt neben dem Stammwerk hat der Konzern 800 Mill. DM in diese Erlebniswelt rund um das Auto investiert. Neben einem Museum und extravaganten Pavillons für die Konzernmarken gehört dazu auch ein teures Ritz-Carlton-Hotel. In zwei gläsernen Türmen warten mehrere hundert Autos auf ihre neuen Besitzer. Von den 6 000 Besuchern pro Tag - doppelt so viel wie erwartet - kommen aber nur 300, um ihr Auto abzuholen.

Zur Autovision gehört auch die Wolfsburg AG, je zur Hälfte im Besitz der Stadt und des Konzerns. Das Unternehmen mit rund fünfzig festen Mitarbeitern richtet Gründerwettbewerbe aus, kümmert sich um die Ansiedlung von Zulieferern und vermittelt Personal. Bisher konzentriert man sich auf das Anwerben von Studenten für die Urlaubszeit im VW-Werk. Künftig sollen aber auch die neuen Unternehmen mit Personal versorgt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%