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Die neue Lust am Untergang

Autoren thematisieren das Ungeheuerliche: Weltkriege und Präsidentenmorde

Krimis sind oft nicht nur spannende Lektüre, sondern auch eine gute Möglichkeit, den Puls der Zeit zu erfühlen. Kaum eine technische Entwicklung oder ein Trend, die nicht von findigen Autoren umgehend zu einem Krimi verarbeitet werden. Deshalb ist es bedeutsam, dass nun gleich drei Politkrimis vorliegen, die ohne die Terroranschläge des 11. September undenkbar gewesen wären. Denn sie beschäftigen sich mit Ungeheuerlichem - Weltkriegen und Präsidentenmord. Auffallend dabei:Die Qualität der drei Bücher steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Bekanntheit.

Am meisten Furor hat in den vergangenen Wochen zweifellos Nicholson Baker gemacht. Sein schmales Bändchen "Checkpoint" kommt harmlos daher. Doch das in Dialogform aufgezeichnete Gespräch zweier alter Freunde in einem Washingtoner Hotelzimmer ist mehr als ungewöhnlich: Schließlich erzählt Jay seinem Freund, dass er vorhabe, den US-Präsidenten Bush zu ermorden, aus Empörung über den Irak-Krieg. Die Wut Jays auf Bush durchzieht die gesamten Dialoge. Erst am Ende gelingt es Ben nach langen Debatten, ihn von dem Vorhaben abzubringen.

Kein Wunder, dass das Buch vor allem in den USA schon wegen des derzeitigen Präsidentschaftswahlkampfes Aufruhr auslöste. Doch nach 140 Seiten Lektüre steht fest, dass dies alleine am Tabubruch, an der Provokation liegt, nicht aber an einer überragenden literarischen Qualität. Das Thema des echten oder angeblichen "Tyrannenmordes" ist schon häufig wesentlich besser und spannender beschrieben worden. Dem erklärten Bush-Gegner Baker misslingt der Sprung vom plumpen politischen Pamphlet zur Literatur ziemlich gründlich.

Ebenfalls für Aufsehen sorgte William Cohens Politkrimi "Die Verschwörer". Der Grund dafür liegt vor allem in der Prominenz des Autors, der immerhin US-Verteidigungsminister unter Präsident Bill Clinton war. Verschworen, so viel sei verraten, haben sich in Cohens Buch ein russischer Mafiaboss, rechtsradikale Amerikaner und ein chinesischer General. Der "Held" in dem rasant erzählten Buch ist, welch Wunder, ein US-Verteidigungsminister namens Santini, der durch einen beherzten Alleingang die Welt rettet.

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