Die neuen Medien stellen den klassischen Antiquariatsbuchhandel vor große Herausforderungen
Eine Branche sorgt sich um ihre Zukunft

Aus dem öffentlichen Kulturleben ist das Antiquariat fast völlig verschwunden. Renommierte Ladengeschäfte schließen, während das Geschäft mit dem alten Buch im Internet zu boomen scheint.

STUTTGART. Mit "Erstausgabe, selten" können Antiquare die Literaturausgaben des 20. Jahrhunderts nur noch in wenigen Fällen beschreiben. Das Internet mit seinem gigantischen Angebot offenbart eine bislang kaum gekannte Materialfülle. Unter dem Stichwort "Die Blechtrommel" etwa liefert das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) fast 250 Einträge. Das literarische Meisterwerk von Günther Grass steht dort sowohl als Taschenbuch für 4,50 Euro (Versandantiquariat Willems) wie als Erstausgabe mit handgeschriebener Postkarte des Autors für 558,25 Euro im Angebot (Antiquariat Müller & Gräff).

Die begehrten Erstausgaben und Widmungsexemplare sind für jeden Buchliebhaber und-sammler leicht auffindbar geworden. Das ZVAB allein umfasst nach eigenen Angaben über acht Millionen antiquarische Bücher, Noten, Graphiken und Postkarten, die von insgesamt 1 400 Antiquaren aus 19 Ländern gelistet worden sind. Damit ist das ZVAB die größe deutschsprachige Online-Plattform für antiquarische Ware. Lohnt angesichts dieser konkurrenzlosen Riesenauswahl - mit der Möglichkeit des direkten Preisvergleichs - überhaupt noch der Gang in ein Ladenantiquariat?

Die Auswirkungen haben die klassischen Händler bitter zu spüren bekommen. Zwar ist das Internet, wie Ulrich Hobbeling, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare (VDA) bestätigt, "für den zeitgemäß arbeitenden Antiquar unverzichtbar". Andererseits sind die Preise aufgrund des Überangebots zum Teil drastisch gesunken, am signifikantesten in den Sparten Literatur des 20. Jahrhunderts und Kunst-Literatur. Der Preiskampf macht so manchem Antiquar mit hohen Fixkosten (Ladenmiete, Katalogproduktion, teure Messebeteiligungen) zu schaffen.

Auch den Veranstaltern von Antiquariatsmessen bläst der kalte Wind ins Gesicht. Die Zahl der Kollegen, die an mehreren Veranstaltungen teilnehmen, nimmt ab. Die "Liber Berlin", mit viel Elan und großem Echo vor vier Jahren ins Leben gerufen, dürfte in diesem Jahr nur auf rund 70 Aussteller kommen.

Lediglich die älteste Antiquariatsmesse Deutschlands, die Stuttgarter Antiquariatsmesse, kann für die Veranstaltung im Januar 2004 mit 95 Ausstellern auf dieselbe Zahl wie im Vorjahr verweisen. Dabei galt die Beteiligung schon im Frühjahr dieses Jahres als Rekordbeteiligung - noch nie zuvor gab es auf der elitären Messe des Verbandes Deutscher Antiquare (VDA) so viele Aussteller. Ein neues Standbau-Konzept hatte neue Kapazitäten geschaffen.

Götz Kocher-Benzing, stellvertretender Vorsitzender des VDA und für die Organisation der Messe verantwortlich, musste in diesem Jahr feststellen, dass die internationale Beteiligung deutlich nachgelassen hat. "Bei den Engländern und Amerikanern ist der eigene Markt derzeit offenbar auch nicht ganz so stabil, wie man sich das so denkt", sagt Kocher-Benzing. Italiener, Spanier und Franzosen seien so gut wie nie auf deutschen Messen vertreten gewesen, die Skandinavier seien in den letzten Jahren ganz ausgeblieben. Der Trend zur Regionalisierung einerseits und zur Konzentration auf den internationalen Markt andererseits werde sich sich in Zukunft noch verstärken.

Der Stuttgarter Antiquar weiß, dass es die Branche in Zukunft nicht leicht haben wird. Die Veränderungen auf dem Markt lassen sogar die renommiertesten Kollegen nachdenklich werden. Die Firma H.P. Kraus in New York, die durch hohe Erbschaftsteuerzahlungen zur Aufgabe ihres Geschäftes in bester Stadtlage gezwungen wurde, wird ihre Bestände auf dem internationalen Markt versteigern lassen. Mit dieser Geschäftsaufgabe einher geht die Schließung von des Zürcher Antiquariats Hellmut Schumann, das zu Kraus gehört hat.

Als echte Pleite gilt in Branchenkreisen die Schließung des 150 Jahre alten Antiquariats Ackermann; der Umsatz konnte offenbar die laufenden Kosten inklusive einer teuren Innenstadtmiete nicht mehr decken. Und in Berlin wird demnächst das Antiquariat Koch mit Geschäftsräumen am Kurfürstendamm aufgeben. Das Internet-Geschäft dürfte beiden Firmen nicht wirklich geschadet haben. Beide haben nicht in den Segmenten gearbeitet, in deen die Preise durch das Internet gefallen sind.

In Stuttgart hat sich das Antiquariat Neidhardt vor wenigen Monaten aus der Innenstadt in die Region nach Böblingen zurückgezogen. "Für das spezialisierte Antiquariat hat das Ladenantiquariat in Großstadtzentren keine Zukunft", meint Götz Kocher-Benzing. Dennoch sei es bedenklich, dass das Antiquariat in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle mehr spiele. Das mache sich schon bei den Etats der Bibliotheken bemerkbar, der im Vergleich zu den Etats von Kunstmuseen wesentlich gering ist. Der Antiquariatsbuchhandel beschäftige sich eben mit Dingen, die sich visuell nicht so leicht erschließen.

Abebooks, eine weitere Verkaufsform für "antiquarische, vergriffene und gebrauchte Bücher" mit nach eigenen Angaben rund 45 Millionen Titeln im Netz, schätzt das Umsatzpotential für den Online-Gebrauchtmarkt in Deutschland auf etwa 600 Millionen Euro. Nach einer neueren Untersuchung sollen rund 14 Prozent aller Gebrauchtbücher online verkauft werden. "Es wird aber von vielen mehr oder weniger zugegeben, dass die Umsätze im Netz zum Teil trotz höheren Arbeitsaufwandes eher stagnieren oder gar zurückgehen statt zu steigen", konstatiert Herbert Meinke.

Die eigentliche Aufgabe des gehobenen Antiquariatshandels sollte darin bestehen, das wertvolle Buch, die alte Graphik oder die seltenen Autographen als Kulturgut ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit zurück zu bringen. Kommunikationsmittel und-orte sind die erstklassig bearbeiteten Antiquariatskataloge, Messen mit ihrem selektiven Angebot und nicht zuletzt die Geschäftsräume, in denen sich der Sammler auch von der Ästhetik des alten Buches einen Eindruck verschaffen kann. Die Antiquare sollten mit Verve um ihr angestammtes Terrain kämpfen.

Einer, der das seit einigen Jahren im großen Stil tut, ist Heribert Tenschert. Sein in der Schweiz ansässiges Antiquariat Bibermühle hat er zu einem Zentrum der Handschriftenforschung gemacht, in dem Wissenschaftler auf Anfrage jederzeit willkommen sind.

Soeben ist der neueste Antiquariatskatalog erschienen, der zugleich auch ein Referenzwerk sein will und der auf dem Markt seinesgleichen sucht. In drei Bänden hat Tenschert eine in sechs Jahren zusammengetragene Sammlung von Stundenbüchern publiziert, die er einheitlich in rote Maroquinbände geschlagen hat und dier er selbst am liebsten geschlossen wieder abgeben möchte.

Das umfangreiche Katalogbuch umfasst 158 Stundenbücher, die zwischen 1490 und 1550 gedruckt worden sind (Subskriptionspreis bis 30.9.: 680 Euro, danach 980 Euro). Inzwischen, und das spricht für die große Leidenschaft des Antiquars, sind jedoch schon wieder 15 weitere Exemplare dazugekommen, und ein Supplementband ist in Arbeit. Viele große Bibliotheken auf der ganze Welt würden sich glücklich schätzen, wenn sie einen solchen Bestand vorweisen könnten.

Quelle: Handelsblatt

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