Die New Economy hieß damals „Neue Ära“
Am Schwarzen Freitag stieg der Dow

Das Ausmaß des größten "Crashs auf Raten" aller Zeiten war an dem Tag jedoch noch nicht abzusehen: Am 25. Oktober stiegen die Kurse.

DÜSSELDORF. Auf diesen Tag hatte Jesse Livermore lange gewartet. Der legendäre Börsenprofi wusste, dass Aktien überbewertet waren und die Kurse einbrechen würden. Um davon zu profitieren, musste allerdings das Timing stimmen. Denn wenn die Börse zu spät abstürzt, nützt es nichts, auf fallende Kurse zu spekulieren. Im Herbst 1929 lag Livermore genau richtig: Nach dem 25. Oktober, dem Schwarzen Freitag, verdiente der "König der Spekulanten" ein Vermögen. Rechtzeitig vor dem größten Börsencrash aller Zeiten hatte er sich reichlich Aktien geliehen und diese verkauft, um sie später zu niedrigeren Kursen zurückzukaufen. Die Differenz war sein Gewinn.

Hinweise, dass der Markt im Frühjahr 1929 den Gipfel erreicht hatte, gab es viele. Schwergewichte wie International Telephone und General Electric, deren Wert sich in einem Jahr verdreifacht hatte, erreichten keine Höchstkurse mehr. Anleger stürzten sich auf weniger bekannte Werte der zweiten und dritten Reihe. Den größten Gewinn versprachen Neuemissionen, deren Qualität jedoch immer schlechter wurde.

Es war die Zeit des "neuen Wohlstands". Wie 1999 wurde auch 1929 von einer "Neuen Ära" gesprochen. Junge dynamische Unternehmen definierten die amerikanische Wirtschaft neu. Radios und Autos revolutionierten die Welt. Die Industrieproduktion stieg bombastisch, gleichzeitig sank die Inflation. Es schien, als gäbe es den ewigen Aufschwung. In dieser Aufbruchstimmung erfasste der Spekulationswahn an der New Yorker Börse breite Bevölkerungskreise. "Vom Tellerwäscher zum Millionär" - Aktienzocker träumten den "American Dream". Das Rezept für den schnellen Reichtum schien so einfach: Kredit aufnehmen, Aktien kaufen, Gewinne kassieren und der Bank das Geld zurückzahlen. Jeder machte mit und verdiente daran. Tagesgeldzinsen erhöhten sich damals auf 20 Prozent.

Als Anfang 1929 Frühindikatoren auf eine schwächere Wirtschaft hindeuteten und die US-Notenbank Federal Reserve ihre Mitgliedsbanken ermahnte, Kredite seien für Aktienspekulationen wenig sinnvoll, kam es zu ersten größeren Kurseinbrüchen. Doch viele nutzten die niedrigeren Kurse, weil sie glaubten, billig einsteigen zu können. Tatsächlich wurden Top-Aktien, die normalerweise ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn oder zwölf aufwiesen, mit dem 100fachen des Gewinns bewertet. Umsatzerwartungen, nicht Gewinne bestimmten die Bewertungen in der "neuen Ära".

Mahnende Worte des Wirtschaftswissenschaftlers Roger Babson, der dramatische Kursverluste vorhersagte, verhallten zwar keineswegs ungehört: Viele Anleger verkauften ihre Aktien. Doch ebenso viele stiegen ein. Das Handelsvolumen stieg dramatisch - in Boomphasen ist dies ein untrügliches Zeichen für einen Richtungswechsel.

Am Donnerstag, dem 24. Oktober, der als "Black Thursday" in die Geschichtsbücher einging, schloss der Handel mit einem kleinen Verlust von 2,1 %. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass schon an diesem Tag der erste Crash der Börsengeschichte passierte. Es hatte tatsächlich dramatische Kursverluste und Verkaufsaufträge "zu jedem Preis" gegeben. Doch bereits nachmittags war das hohe Kursniveau dank vieler Kaufaufträge wiederhergestellt, wie Statistiken der Börse zeigen. Zwölf Millionen Aktien wurden gehandelt - viermal so viel wie üblich.

Noch größer ist der Mythos um den 25. Oktober 1929, den Schwarzen Freitag. Zeitgenössische Schilderungen und Dokumente zeigen Panik und Menschenaufläufe an der New Yorker Börse. Doch dass die Kurse einbrachen, trifft wiederum nur für den "zeitweisen" Handelsverlauf zu. In den Mittagsstunden wechselten so viele Papiere den Besitzer, dass die Börsenschreiber mit der Übermittlung der Kurse nicht mehr nachkamen. Die Notierungen verzögerten sich um Stunden. Hektik schlug in Panik um. Zum Handelsschluss notierte der Dow-Jones-Index allerdings bei 301,22 Punkten und lag damit um 0,6 % höher als am Donnerstag. Wieder fanden sich genügend Käufer, die von einem billigen Einstieg überzeugt waren. Das Minus am folgenden Samstag - erst 1952 wurde dieser Handelstag abgeschafft - war mit 0,8 % nicht der Rede wert.

Erst in der darauf folgenden Woche kam es zu wirklich dramatischen Verlusten. Die erhofften Unterstützungen der Bankiers blieben aus. Alle Bekundungen aus Wirtschaft und Politik, wie gesund die Unternehmen und Konjunktur seien, halfen nicht mehr. Dass die Notenbank in den folgenden Monaten zusätzlich Öl ins Feuer goss und die Zinsen sehr zum Schaden der Börse erhöhte, ist allerdings auch nur eine Legende. Tatsächlich sank der damals maßgebliche Diskontsatz von Frühjahr 1929 bis 1948 kontinuierlich von 5 % auf 1 %.

Eigentlich änderte sich am Montag, dem 28. Oktober 1929, nur eines gegenüber den "schwarzen" Tagen der Vorwoche: Die Flut an Verkaufsaufträgen hielt an, doch die Kaufaufträge sanken dramatisch. Plötzlich wollte kaum noch jemand zu vermeintlich günstigeren Kursen einsteigen. Die Skeptiker setzten sich durch, die Aktien für überbewertet hielten. Am Montag brach der Dow-Jones-Index um 13 % ein, am Dienstag noch einmal um 12 %. Damit begann der Crash auf Raten. Er bescherte dem Dow- Jones-Index bis Juli 1932 mit fast 90 % den höchsten Verlust aller Zeiten.

Sein Instinkt hatte Jesse Livermore zum mehrfachen Millionär gemacht. Doch das Vertrauen in die Börse war erschüttert.

Quelle: Handelsblatt

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