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Die New Economy lebt

Nun hat es auch das Flaggschiff erwischt. Das Kultmagazin der New Economy, das Wochenblatt Industry Standard, stellt nach vier Jahren Existenz sein Erscheinen ein...

Nur noch ein Wunder (sprich ein neuer Geldgeber) kann den Standard retten, der in Boomzeiten eine Auflage von über 200 000 Exemplaren hatte. Sonst soll noch diese Woche der Konkursantrag folgen, weil es keine Anzeigen mehr gibt. Die größten Kunden des Standard, die Internet-Unternehmen, sterben wie die Fliegen oder sparen ohne Ende.

Nun ist die New Economy wohl doch endgültig am Ende, oder? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Die Symptome des Patienten New Economy sind hinlänglich bekannt: asthmatisches Dot.com-Siechtum, fiebriges Börsen-Desaster sowie depressive Hoffnungslosigkeit im fortgeschrittenen Stadium. Doch der Patient lebt noch. Und er wird sich wieder erholen. Allerdings werden wir ihn kaum wieder erkennen, wenn er genesen ist.Denn radikale Amputationen waren notwendig und sind geschehen.

Als erstes wurde unter dramatischen Umständen die unselige Verquickung von Börse und New Economy beendet. Die New Economy ist befreit vom üblen Geruch junger Blitz-Millionäre und raffgieriger Geldritter, für die ein Businessplan nicht weiter zu reichen brauchte als bis zum Börsengang. Danach war man sowieso schon wieder im nächsten "erfolgversprechenden Startup" investiert, das man (Überraschung!) an die Börse bringen wollte. Die Börse hat einiges bewegt, aber sie hat auch vieles verdorben - vor allem die Sitten.

Danach wurden die selbsternannten Hohepriester der New Economy, die "MBAs", herausoperiert. Diese jugendlichen "High Potentials", die - frisch den Unis entschlüpft - mit immer neuen Ideen die virtuellen Welten und ohne störende Umwege auch gleich die mit Risikokapital satt gepolsterten Vorstandsetagen eroberten.

Als Lektüre den "Industry Standard" und "Red Herring" auf dem Designerschreibtisch, träumte man in sonnigen Vorstandsbüros in aberwitzig teuren Lagen von Palo Alto oder San Francisco von der Weltrevolution - natürlich digital und kapitalistisch. Doch die Absatzmärkte waren und sind nun einmal verdammt real und Anfänger sind immer noch Anfänger, auch wenn sie sich sofort "CEO" nennen dürfen. Jetzt regieren altgediente Manager in den überlebenden Dot.coms - falls sich noch einer findet, der dazu Lust hat.

Als letztes wurde noch die selbstgefällige Hülle des arroganten Dot.com-Unternehmens an sich abgestreift. Der Traum vom frei im virtuellen Raum schwebenden Unternehmen, das alleine schon deshalb alles besser, billiger, schneller und innovativer machen konnte als jedes andere, weil es im Internet ist, ist ausgeträumt. Es stimmte einfach nicht.

Was bleibt also übrig von der New Economy, wie sie jeder zu kennen glaubte, die aber nie so war? Übrig bleibt Alltäglichkeit statt Glamour und Börsenhype, harte Arbeit statt wolkiger Illusionen - und richtige Ansätze für eine neue Wirtschaftswelt, die bis zuletzt zu Unrecht ein Schattendasein in einer von Irrationalität geprägten Anfangsphase der New Economy führten.

Was ist die New Economy im Kern? Sie ist eine neue Art der Kommunikation und der Interaktion von Menschen und Unternehmen mit- und untereinander. Ein Ansatz, um ganze Prozesse im Wirtschaftsleben neu zu organisiern, um die Wertschöpfung in allen (und "alten") Industrien zu erhöhen. Die New Economy rückt - entgegen allen Unkenrufen - den Mensch in den Mittelpunkt. Sie schafft mit Hilfe von Informationstechnologie und weltweiter Vernetzung neue Freiräume, in denen sich Individuen mit Ideen zu virtuellen Einheiten zusammenschließen und diese Ideen verwirklichen können. Sie gibt auch dem vernetzten Individuum als Kunden neue Macht. Noch ist diese erst in Grundzügen sichtbar. Doch wenn erst einmal die Gameboy-Generation erwachsen geworden ist, wird sich dies dramatisch ändern.

Der Abschied vom früheren Wunderkind New Economy war schmerzhaft. Doch irgendwann muss es auch mal gut sein. Man kann seine Wunden lecken - aber doch bitte nicht bis auf die Knochen.

Die Ideen der New Economy werden immer wichtiger und mächtiger. Aber sie selber wird nie mehr so sein wie früher. Und das ist auch gut so.

P.S.: Noch ist zumindest die Webseite des Standard online. Wer es noch nicht getan hat, der sollte sie sich wenigstens jetzt noch mal anschauen. Gelohnt hat es sich eigentlich immer schon.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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