Die Optimisten sehen schon wieder Licht am Ende des dunklen Börsentunnels
Kommentar: Das Spiel mit der Null

Ein gesunder 10-Prozent-Realismus wäre nur gut für die Aktienkultur hier zu Lande.

FRANKFURT/M. Die Null ist der größte Freund des Anlegers - wenn ihr andere Ziffern vorangehen und sie auf diese Weise kräftige Zuwächse signalisiert. Solche Sprünge zeigten in den vergangenen acht Wochen die deutschen Aktien: Der Dax legte 40 Prozent zu, der Nemax 70 Prozent. Schade nur, dass wenige Anleger an den Kurstiefpunkten Mut zum Einstieg bewiesen.

Die Optimisten sehen schon wieder Licht am Ende des dunklen Börsentunnels. Beim Spiel mit den Grundrechenarten sind sie der rosaroten Börsenzukunft auf der Spur. Wenn der Dax im Prozent-Tempo der vergangenen beiden Monate weiter steigen sollte, würde er im Mai 2003 eine psychologisch wichtige Marke überwunden haben. Dann stehen fünf Nullen eine Eins voran. In Zahlen: 100 000.

Bringt das Spiel mit Nullen schon dem Dax-Fan die gute Laune zurück, hat der Nemax-Anhänger wahrlich Grund zum Jubeln. Mit der Geschwindigkeit der letzten zwei Monate könnte die Neue-Markt-Messlatte den Dax-Konkurrenten bald überrunden. Anfang 2004 würde der Höhenflug in völlig andere Sphären führen: über 1 000 000 Punkte hinaus.

Der nüchterne Denker winkt spätestens an diesem Punkt ab. Er bekommt gleichzeitig ein Gefühl dafür, warum die Null im Mittelalter als Teufelszeug galt. Banken benutzten die Null nur widerwillig, konnten ihr doch die Skrupellosen ein oder zwei Ziffern voranstellen oder sie in eine Sechs oder Neun verwandeln. Arabische Zahlen hatten generell einen üblen Ruf, die römischen galten als weniger fälschungsanfällig.

Realisten variieren das Spiel mit der "Nulla figura", dem mittellateinischen Ursprungsbegriff für "keine Zahl". Sie begnügen sich mit einer einzelnen Null und basieren ihre Prognose auf Kursgewinne von 10 Prozent - allerdings pro Jahr. Das erscheint nach den langfristigen Erfahrungen realistisch. In diesem Fall müssten die Anleger bis zum Jahr 2033 auf den Dax-Stand von 100 000 warten.

Kaum zu glauben, dass die Null auf eine Biographie zurückblickt, in der zunächst nichts auf ihren späteren Siegeszug hindeutete. So wurde sie zu Zeiten der Sumerer symbolisiert durch zwei Keile, die in einen feuchten Tonklumpen gedrückt wurden. Während der Hochkultur der Maya war die Null gefürchtet; die Menschen erblickten in ihr den Gott des Todes.

Bei solchen symbolischen Bedeutungen mögen sich manche Neue-Markt-Anleger an den eigenen Vermögenskollaps erinnern. Schließlich verloren die Titel vom Platzen der Spekulationsblase bis zum Börsentief im September rund 90 Prozent. Doch die Erinnerung daran dürfte eine neuerliche Euphorie verhindern. Ein gesunder 10-Prozent-Realismus wäre nur gut für die Aktienkultur hier zu Lande. Heute angelegte 10 000 Euro sollten in 30 Jahren auf stattliche 170 000 Euro anwachsen.

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