Die philosophische Literatur gibt sich originell – aber sie hinterlässt uns oft ratlos
Gut gelaunt und skrupellos

Kaum jemand weiß noch, was Philosophie ist, was sie geleistet hat und was sie heute noch leisten kann. Dennoch wird fröhlich philosophiert. Vorsichtiger gesagt: Es wird ein Geschäft betrieben, das weder in die Naturwissenschaften noch in die Geisteswissenschaften passt.

HB HAGEN. Drei Autoren machen gegenwärtig auf sich aufmerksam: Christian Demand, weil er die Kunstkritik kritisiert, wie selten jemand vor ihm. Giorgio Agamben, weil sein Buch von der Diskussion um den Irak-Krieg profitiert. Und Peter Sloterdijk, weil er ausgesprochen originell mit philosophischen Fragen umgeht.

Man kann sich die Situation lebhaft vorstellen: Eine Gruppe Intellektueller wandelt durch eine Ausstellung. Das Kunstobjekt, dem scheinbar die größte Aufmerksamkeit gebührt, lässt in Wahrheit jeden einzelnen zweifeln. Unverständlich, nichts sagend, ohne jeden Realitätsbezug. Allein: Niemand traut sich etwas zu sagen. Gerade in Kritikerkreisen gilt es als unanständig, ein kritisches Wort zur bildenden Kunst der Avantgarde zu äußern, stellt Christian Demand fest, der diesem Phänomen nachgegangen ist. In seinem Buch "Die Beschämung der Philister" untersucht er die Frage, wie die Kunst das Kunststück fertig gebracht hat, sich der Kritik zu entledigen.

Klar und anschaulich in der Sache, gelegentlich mit dem Ton des Gelehrten, zeichnet er eine lange Entwicklungslinie von Schiller zu Kandinsky und Beuys. Kunstwerke werden verklärt, sagt er. Erst im Nachhinein seien die Bewertungsmaßstäbe erkennbar. Demgegenüber kann das Publikum nur versagen, bleibt spießig in seinem Alltag befangen und wahrnehmungsunwillig. So werden die Kritiker zu "Geschmackstribunen". Sie schüchtern das Publikum ein, durch eine Art "entfesselter Prosa", wie sie aus Katalogen, Kunstzeitschriften und Monographien quillt.

Demand dreht den Spieß um. Er beschämt die Beschämer. Er fordert die Kritiker auf, wieder ihre Arbeit zu tun und das Kunstwerk zu kritisieren. An die kunstinteressierten Nicht-Kritiker appelliert er, in Zukunft endlich wieder kritische Fragen zu stellen - ein origineller Ansatz, der die philosophische Diskussion bereichert.

Giorgio Agambens Werk wird zurzeit in Deutschland stark diskutiert. Sein Buch "Ausnahmezustand" ist durch die Bilder von Guantánamo Bay und die Menschenrechtsverletzungen amerikanischer Soldaten im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib unerwartet aktuell geworden - und dies, obwohl er zwei alte Hüte aufpoliert. Gestützt auf Carl Schmitts Begriff des Ausnahmezustands und Walter Benjamins Konzept der reinen Gewalt, versucht er, das "Niemandsland" zwischen öffentlichem Recht und politischer Wirklichkeit in Theorieform zu bringen.

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