Die Plattenindustrie sucht bisher erfolglos nach neuen Lösungen
Napster hat nur noch eine Galgenfrist

Ein Internetfilter gegen unerlaubtes Herunterladen copyright-geschützter Musik soll angeblich die Lösung sein.

ddp/vwd SAN FRANCISCO. Mit der Zusage, 5 600 Titel aus dem Tauschprogramm herauszufiltern, entging die Internetbörse am vergangenen Wochenende nur knapp der Abschaltung. Doch die scheint unmittelbar vor der Türe zu stehen. Das amerikanische Gericht will voraussichtlich noch in dieser Woche eine erneute, aber dann rechtsgültige Einstweilige Verfügung gegen Napster verhängen. Mit dem Filter kämpft Napster ums Überleben.

Rund 60 Millionen Napster-Nutzer stellen weltweit nicht nur ein gigantisches Kundenpotenzial dar, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Meinungsmacht. Bertelsmann hat die Chance vor wenigen Monaten gesehen, und sich mit einer Investition über knapp 50 Mio US-$ das Recht erkauft, bei Napster aktiv einzusteigen. Die Vision: Musik endlich über das Internet vertreiben. Der geplante und schon angekündigte Abodienst hätte nicht nur eine neue Vertriebsform, sondern auch eine Menge Geld in die Kassen der Plattenfirmen spülen können. Die sahen die Lage jedoch anders, verkannten vielleicht das Potenzial. Napster und sein Partner Bertelsmann wurden zu erklärten Gegnern und heftig attackiert. Besonders die amerikanische Recording Industry Association (RIAA) ging gegen die Musiktauschplattform vor, andere Musikerverlage und Plattenfirmen wie Sony AOL Time Warner, EMI und Vivendi Universal sprangen auf den Zug mit auf.

Müsste Napster schließen, würde dies nicht nur einen erheblichen finanziellen Schaden bei den Betreibern bedeuten, sondern auch den Verlust einer wild gewachsenen Kultur. Überfällig war es, Napster in die legale Bahn zu bringen und damit Urheberrechte zu schützen. Doch die Möglichkeiten, die die Musiktauschplattform in der neuen, digitalen Welt, der so genannten New Economy bietet, sind richtungsweisend.

Unkompliziert wird zur Zeit der Tausch von Musikdateien angeboten. So könnte auch eine Art Vertrieb organisiert werden. Die Musikindustrie sucht schon lange nach einer Möglichkeit, Musikstücke online zu verkaufen. Das Verlangen nach dem unknackbaren Kopierschutz, das bisher sämtliche Projekte zum Scheitern brachte, dürfte dabei wohl eher der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen gleichen. Denn den Kopierschutz gab es noch nie und wird es auch in Zukunft kaum geben können. Das Problem der Raubkopien von herkömmlichen CDs oder LPs ist lange bekannt und ebenfalls nicht gelöst worden. Ebenso verhält es sich bei digitalen Daten.

Würde die Plattenindustrie Napster gemeinsam veranstalten, wäre es ein hervorragendes Werkzeug, um den Vertrieb anzukurbeln, und neue Kunden zu akquirieren. Dies versucht Bertelsmann schon seit geraumer Zeit. Den herkömmlichen Markt mit Tonträgern wie der CD wird der Online-Vertrieb kaum beeinträchtigen.

Dass Napster womöglich bald schließen wird, bedeutet nicht das automatische Aus für den MP3-Musiktausch über das Internet. Vielmehr könnte sich die Szene dann auf nicht kontrollierbaren Ebenen bewegen. Während hinter Napster verantwortliche Firmen stehen, die den Vertrieb und Tausch kontrollieren und überwachen können, sind Anbieter wie Gnutella noch wilder gewachsen als Napster. Gnutella und andere Tauschbörsen sind juristisch kaum zu packen, da es keine verantwortlichen Betreiber gibt. Der Wildwuchs des illegalen Dateitausches dürfte mit solchen Angeboten noch weiter angetrieben werden. Die immer besser werdende Technik der Peer-to-peer-Verbindungen (Direktverbindung zweier privater Rechner) über das Internet macht zentrale Server für den Tausch der Musikdateien unnötig. Nicht mehr als die Grundinformationen zum Aufbau einer direkten Verbindung zwischen zwei Computern müssen zentral angeboten werden. Damit würde der MP3-Tausch über das Internet vollkommen unkontrollierbar und die Plattenindustrie stünde wieder am Anfang ihrer Bemühungen.

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