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Die Politik entdeckt die Teuro-Debatte

Mit dem geplanten "Anti-Teuro-Gipfel" erreicht die Debatte über ungerechtfertigte Preissteigerungen in Deutschland einen neuen Höhepunkt.

dpa FRANKFURT/MAIN - Obwohl der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise mit 1,2 Prozent im Mai auf den niedrigsten Wert seit mehr als zwei Jahren gesunken ist, will sich Verbraucherministerin Renate Künast nun der Sorgen der Konsumenten annehmen. Dabei hat die Bundesregierung selbst zum Jahresbeginn der Debatte über angebliche Preismanipulationen im Zusammenhang mit der Euro- Bargeldeinführung massiv Nahrung geliefert. Der Preissprung in das neue Euro-Zeitalter mit einer monatlichen Teuerung für die allgemeine Lebenshaltung von 0,9 Prozent ging zur Hälfte auf das Konto Politik. Höhere (Öko-)Steuern für Benzin und Diesel sowie zusätzliche Abgaben für Versicherungen und Tabakwaren schlugen allein mit 0,4 Prozentpunkten zu Buche.

Seit Februar fiel dann die monatliche Preiserhöhung von 0,3 auf mittlerweile 0,1 Prozent zurück. Dennoch blieb das Thema Preismogelei wegen der Bargeldumstellung ein Dauerbrenner. Im Mai vergangenen Jahres, als die Inflationsrate im Gefolge der Fleischskandale mit BSE und MKS sogar auf 3,5 Prozent geklettert war, blieben ähnliche Debatten aus.

Da nun auch die große Politik die Teuro-Debatte entdeckte, könnte sich sogar ein negativer Aspekt für die Konjunkturerholung ergeben. Dies fürchten zumindest die Volkswirte der Frankfurter DGZ Bank. -Deka "Wenn das Gefühl der Verunsicherung und der Übervorteilung bei den Verbrauchern noch geschürt wird, halten sich die Konsumenten noch stärker zurück." Dabei ist der private Konsum ohnehin die Schwachstelle der deutschen Konjunktur, deren leichte Erholung seit Jahresbeginn ausschließlich auf den Exportschwalben beruht.

Außer den noch vorhandenen Ressentiments gegen die neue europäische Einheitswährung basiert der Teuro-Verdacht nicht zuletzt auf subjektiven Wahrnehmungen. Dies ist auch die Meinung des Präsidenten des Statischen Bundesamtes, Johann Hahlen. Häufig wurden vom Handel und der Gastronomie sowie den Dienstleistern jene Produkte erhöht, die besonders sensibel oder geläufig sind.

Hohe Preissensibilität bei Nahrungsmitteln und Co.

Frisöre, Reinigungen und Gaststätten gerieten besonders in die Kritik. Auch die Preise für Brötchen und Milch sind jedermann bekannt. Dort werden Anhebungen deshalb mit besonderem Ärger registriert. Hinzu kam zum Jahresbeginn bei Gemüse ein beträchtlicher Preissprung, der aber leicht mit der kalten Witterung in Südeuropa begründet werden konnte. Ermäßigungen bleiben dagegen oft unbemerkt. Die stark verteuerten Tomaten müssen als Paradebeispiel für den "Euro-Schwindel" herhalten, billigere Paprikaschoten (grün) und Salatgurken bleiben dagegen unerwähnt. Wer kauft sich auch häufig ein TV-Gerät oder einen Personalcomputer? Es fehlt daher die Erfahrung: Auch diese sind billiger geworden.

Ohnehin werden nur noch rund 13 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben. Auf diesem Felde sind die Verbraucher aber besonders sensibel. Die Statistischen Landesämter nehmen allerdings 750 Produkte unter die Lupe, und zwar unabhängig von subjektiven Konsumgewohnheiten. Sie basieren auf den Aufzeichnungen von rund 60 000 Haushalten. Dabei wirken sich naturgemäß die großen Ausgabeposten für Wohnen (27,5 Prozent) oder Verkehr (13,9 Prozent) nachhaltiger auf die Ermittlung der gesamten Inflationsrate aus. Beide Gruppen wurden von der Euro-Umstellung aber kaum berührt und in der öffentlichen Debatte auch nicht registriert.

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