Die politische Führung stellt sich auf eine wachsende Mittelschicht ein
Wenn der kleine Wohlstand kommt

Die Diskussionsforen chinesischer Internetseiten melden trotz rigider Zensur derzeit Hochbetrieb. Thema Nummer eins ist mit klarem Abstand ein Begriff, der aus der Han-Dynastie stammt und 1 800 Jahre alt ist: Xiaokang, kleiner Wohlstand.

mg PEKING. Populär hat ihn Chinas Staatspräsident Jiang Zemin gemacht, als er beim Parteitag der Kommunistischen Partei (KP) Anfang November das Entwicklungsziel Chinas bis zum Jahr 2020 absteckte: Das Land soll bis dahin die Wirtschaftsleistung um 300 % steigern und dabei das Pro-Kopf-Einkommen auf mehr als 3 000 $ im Jahr anheben.

Jiang wurde am Ende des Parteitages von Hu Jintao erwartungsgemäß als Generalsekretär der KP abgelöst. Doch Jiangs Rede hat einen Damm gebrochen. Die Medien im ganzen Land quellen über vor Berichten und Diskussionsbeiträgen über das, was eine mittelständische Gesellschaft ausmacht. Geld und Wachstum allein können es nicht sein, wird allerorten gefordert. Das zeigt die erste wichtige Wirkung von Jiangs Rede. "Sie hat alle ideologischen Zeichen auf Pragmatismus gestellt", sagt ein deutscher Manager in Peking. Ein junger Chinese formuliert es anonym im "starken Land-Forum" der Volkszeitung, dem medialen Flaggschiff der KP, drastischer: "Der chinesische Humanismus wurde zuerst vom Marxismus zerfetzt, dann vom sozialistischen Realismus attackiert, später vom Maoismus ertränkt und nun vom Materialismus ruiniert. Was ist davon übrig?"

Hintergrund der eifrigen Debatte: Chinas junge Mittelschicht könnte in den nächsten zehn Jahren von 130 auf 400 Mill. Menschen anwachsen. Die politische Führung hat deshalb die Ausrichtung auf ihre traditionelle Basis - Arbeiter und Bauern - zu Gunsten einer klar erkennbaren Mittelstandspolitik geändert. Der Grund: Jene, die einst als Klassenfeind und Ausbeuter gebrandmarkt, enteignet und verfolgt wurden, werden bald die Mehrheit stellen. Das kann selbst eine Monopolpartei, die dank strikter Zensur und umfassender Kontrolle fest im Sattel sitzt, nicht ignorieren. Doch das Adeln des einstigen Klassenfeindes ist ein Widerspruch, den Chinas Führung politisch auflösen muss. Eine Entwicklung, die sich auf die gesamte Weltwirtschaft auswirken wird. Schon jetzt strömt jedes Jahr mehr Kapital nach China - 2002 waren es 53 Mrd. $.Das Geld kommt von westlichen und asiatischen Firmen, die am Konsumrausch der immer kaufkräftigeren Mittelschicht in China verdienen wollen. Chinas Regierung will die ausländischen Investitionen. Und sie muss die heimische Nachfrage stimulieren..

Peking hat seine Politik bereits darauf eingestellt: Besserer Schutz von Eigentum, Förderung des Immobilienbesitzes sowie eine bessere Ausrichtung der Kreditpolitik auf Privatunternehmen. "Wir haben erkannt, dass die Umstrukturierung nicht auf politischen Befehl funktioniert, sondern vom Markt gesteuert werden muss", sagt Liu Guangxi, der zweite Mann in Schanghais Institut für Außenhandel. Worte, die vor nicht allzu langer Zeit als konterrevolutionär gegolten hätten.

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