Die politische Zukunft Afghanistans ist noch höchst ungewiss
Ein Fall für die Vereinten Nationen

Ein Militärschlag der Anti-Terror-Allianz gegen Afghanistan rückt allmählich näher. Zwar unternehmen Briten und Amerikaner noch letzte diplomatische Offensiven, doch dürften sie eher dazu dienen, die Anrainer im Nahen und Mittleren Osten in ihrer Solidarität mit der Allianz zu bestärken. Die militärischen Ziele sind indes abgesteckt.

HB DÜSSELDORF. Im Visier der Amerikaner stehen der mutmaßliche Drahtzieher hinter den Anschlägen auf New York und Washington, der Moslemextremist Osama bin Laden, und das Regime der Taliban. Was nach den ersten Angriffswellen geschieht, ist allerdings nur vage erkennbar. Doch über Afghanistans Zukunft muss schnell Klarheit geschaffen werden. Ein politisches Vakuum würde die gesamte Region über kurz oder lang in neue Turbulenzen stürzen.

Washington täte gut daran, die Macht der Taliban zu brechen. Einen zweiten "Saddam-Fehler" sollten sich die Amerikaner nicht erlauben. Für die Taliban läuft die Zeit daher mit jedem Tag unerbittlicher ab, den sie bin Laden ihre "Gastfreundschaft" angedeihen lassen. Den Korankriegern, die ihre Religion missbraucht, die Menschen im eigenen Land misshandelt und ihre Macht durch Drogengeschäfte finanziert haben, dürfte kaum jemand eine Träne nachweinen. Aber mit ihrem Sturz sind Afghanistans Probleme keinesfalls beseitigt. Im Gegenteil: Ohne ein Konzept für die Zeit nach den Taliban würden die USA allenfalls den Fehler der Russen wiederholen.

Problematisch bei dem Unterfangen der Amerikaner, direkt oder indirekt dafür Sorge zu tragen, dass eine neue Ordnung in Kabul einzieht, ist der augenscheinliche Mangel an überzeugenden Alternativen. Fünf Jahre nach der Eroberung Afghanistans durch die radikalislamischen Taliban wittert die Opposition ihre große Chance, das Land zurückzugewinnen. Die Nordallianz hält nur zehn Prozent der Landesfläche, hofft aber dank der Unterstützung aus Washington auf die Macht im Lande. Die Kooperation mit den USA ist vermutlich ihre einzige Chance, jemals die von Pakistan und islamischen Fundamentalisten unterstützten Taliban zu besiegen. Doch ob die Führer der Nordallianz als Garant für jene Stabilität auftreten können, die Afghanistan nach mehr als zwanzig Jahren Bürgerkrieg so dringend benötigt, darf zu Recht bezweifelt werden. Die Nordallianz hat nach der Ermordung von Oppositionsführer Massud keine charismatische Persönlichkeit mehr aufzubieten, sie eint lediglich die Gegnerschaft zu den Taliban. Keinesfalls gesichert scheint daher, dass die Nordallianz sich nicht wieder in erbitterte Kämpfe verstrickt, sobald sie in Kabul eingezogen ist.

Verhindern soll dies der letzte afghanische König, den die Amerikaner reaktivieren wollen. Aber ist der 86-Jährige seiner Aufgabe tatsächlich gewachsen? Selbst wenn Mohamed Zahir Schah von US-Kongressabgeordneten und Senatoren in seinem römischen Exil hofiert und als neue Symbolfigur ins Spiel gebracht wird, so bleibt doch zweifelhaft, ob er jene Autorität aufbringen kann, die vonnöten ist, um als Gestalter der Zukunft Afghanistans zu überzeugen. Als von den Amerikanern gelenkte Marionette dürfte es ihm kaum gelingen, die divergierenden Kräfte seines Landes zu bündeln. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass auch Pakistan gedenkt, ein gewichtiges Wörtchen bei der Machtverteilung im Nachbarstaat mitzureden. Der König wäre ein Herrscher ohne Macht.

Stichworte wie Marshall-Plan, Demokratie und Stabilität für Afghanistan täuschen nicht darüber hinweg, dass am Hindukusch ein politisches Vakuum droht. Verhindert werden kann das nur durch Mitwirkung der Völkergemeinschaft. Die USA haben die Vereinten Nationen nicht ohne Hintergedanken ins Spiel gebracht. Auf sie kommt möglicherweise weitaus mehr zu, als eine Resolution gegen den Terrorismus zu formulieren. Nach Osttimor könnte der nächste Fall für die Uno Afghanistan heißen.

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