Die Probleme vieler Flatrate-Anbieter sind konstruktionsbedingt
Flatrate: Nach drei Stunden Nutzung beginnt das Minus

Das Internet zum Pauschaltarif, spät nach Deutschland gekommen und immer noch vergleichsweise teuer, überfordert die kleinen Anbieter. Kunden klagen über Kündigungen und Einwahlprobleme. Geschäftsmodelle, bei denen der Internetzugang nur eine Zugabe ist, haben sich bislang nicht durchsetzen können. Neue Impulse erhoffen sich vor allem größere Anbieter von der Einführung schneller DSL-Dienste.

DÜSSELDORF. "Ein unabhängiger Dritter kann eine Flatrate nicht kostendeckend anbietern, solange es keine Großhandelsflatrate gibt", sagt Anya Elis vom Flatrate-Anbieter Sonnet, der sein Produkt unter dem Namen Sonne vermarktet. Elis sagt, Sonne sei als zusätzliches Bonbon gedacht gewesen, "damit die Eieruhr aus den Köpfen der Nutzer unser Internetangebote verschwindet". Kerngeschäft seien Internetdienste.
Wie auch der verbliebene unabhängige Flatrate-Anbieter NGI, der aber deutlich weniger Kunden habe, verfüge Sonne über keine Leitung, sondern verkaufe Minuten weiter. Das Geschäftsmodell sei "ein klassisches Verlustgeschäft". Allerdings seien Verluste in gewissem Rahmen kalkuliert worden.

Geld verdienen wolle Sonnet langfristig mit seinen Internetangeboten wie einer Gameserver-Farm. In den USA sei schon länger üblich, für die Nutzung von Spielen im Internet Gebühren zu zahlen, sagt Elis. Dass gerade die Online-Spieler beispielsweise beim US-Anbieter Everquest besonders intensive Internetnutzer sind, sei grundsätzlich kein Problem. "Nach zehn Stunden am Stück hat auch ein Spieler genug", meint Elis.

Offensichtlich aber hat sich Sonnet, Teil der Versatel International Group mit Sitz in Amsterdam, verrechnet. Denn dem Kundenansturm - kräftig angekurbelt von einer massiven Werbekampagne - zeige sich das Unternehmen oft nicht gewachsen, wie zahlreiche Nutzer gerade auch in den Foren der Internet-Spielebetreiber beklagen. Innerhalb der ersten sechs Wochen nach dem bundesweiten Start hatten sich mehr als 30 000 Nutzer angemeldet. Um sich Luft zu verschaffen, ist das Dortmunder Unternehmen inzwischen dazu übergegangen, Kunden, die das Internet zum Festpreis wie eine Standleitung nutzen, zu kündigen; Neukunden werden nicht mehr angenommen, Expansionspläne in Kooperation mit den Interfunkgeschäften Red Zac und der Musikkette WOM liegen auf Eis.

"Unsere Nutzungsbeobachtung hat gezeigt, dass annähernd 80 % der Onlineminuten durch lediglich 10 % der Kunden verursacht werden und damit natürlich ein ebenso großer Anteil an Einwahlkapazitäten blockiert wird", heißt es in einem Kündigungsschreiben. "Dadurch werden 90 % der Kunden, die den Dienst wirklich nutzen möchten, benachteiligt." Laut Elis soll die Flatrate aber weiter angeboten werden. Zudem werde derzeit an einem Alternativzugang mit T-DSL gearbeitet.

Auch NGI will die Flatrate für 77,77 DM im Monat nach Angaben des Unternehmens weiter anbieten. Poweruser sollen nach den Worten von Konrad Hill, Managing Director beim privat geführten Unternehmen, keinen Ausschluss befürchten. Hill sagte Handelsblatt.com, eine Flatrate rechne sich auch schon beim derzeitigen Modell, sofern eine ausreichende Kundenzahl gewonnnen sei. Dennoch hofft Hill darauf, dass die kleinen Flatrate-Anbeiter bald ihre Preise mit Pauschalen kalkulieren können.

Noch im Geschäft ist außerdem der Flatrate-Anbieter Funone, der den Internetzugang an den Aufruf von Erotikseiten im Internet knüpft. Allen kleinen Flatrate-Unternehmen ist indes gemeinsam, dass sie derzeit ihre Kostenkalkulationen überdenken.

Anbieter ohne Netz rutschen schnell ins Minus

Die Kalkulationsprobleme der Anbieter ohne eigenes Netz liegen auf der Hand: Um die Kunden zu ihrem Einwahlport zu bringen, zahlen sie der Telekom eine Durchleitungsgebühr von derzeit 1,3 bis 1,9 Pfennigen pro Minute. Bei einem Tarif von etwa 80 DM im Monat fressen schon drei Stunden zäglich im Netz die Kundengebühr restlos auf, eigene Kosten der Unternehmen nicht mit eingerechnet. Telekom-Sprecher Stephan Broszio spricht von "zum Teil abenteuerlichen Geschäftsmodellen". Dabei seien die Weiterleitungspreise durch die Regulierungsbehörde seit 1999 bereits dreimal gesenkt worden. Habe der Betrag im Juni 1999 noch bei 2,6 Pfennigen gelegen, sei er auf durchschnittlich 1,5 Pfennig gefallen. Broszio räumt allerdings ein, dass größere Anbieter durch Mischkalkulationen besser disponieren können als kleine Herausforderer.

Flatrate-Pionier Surf1 leitete das Flatratesterben ein

Immer mehr Unternehmen ist bei der Flatrate die Puste ausgegangen. Die Cisma GmbH aus Schöppingen beispielsweise hat die Flatrate inzwischen ganz aufgegeben. Eine Finanzierung zu diessem Preis sei in Deutschland zurzeit nicht möglich, teilte das Unternehmen mit. "Wir versuchen nun aus allem das Beste zu machen und hoffen, dass Sie viel Spaß im Netz hatten. Ihr Zugang zur CISMA-Flatrate wird nicht mehr freigeschaltet", heißt es auf der Webseite von Flat4you, das die Flatrate für 77 DM im Monat mit vermarktet hatte. Cisma-Geschäftsführer Martin Magdziarz wurde mit den Worten zitiert, bereits gezahlte Gebühren könnten nicht zurückerstattet werden. Das Unternehmen WEBX, das eine Flatrate mit Werbefinanzierung angeboten hatte, ist erst eimal auf Tauchstation gegangen. "Ab der zweiten Septemberwoche" sei mit neuen Angeboten zu rechnen, heißt es auf der Homepage. Telefonisch erreichbar ist das Unternehmen aus Welver derzeit nicht.

Das Düsseldorfer Unternehmen Dusnet lässt seine Flatrate am 16. September auslaufen. Die Kalkulation sei nicht aufgegangen, teilte das Unternehmen zur Begründung mit.

Eingeleitet hatte das Flatrate-Sterben das Bitburger Unternehmen Surf 1, das am 31. August Insolvenz angemeldet hatte. Geschäftsführer Nylis G. Renschler teilte auf der Homepage mit, das Unternehmen habe damit "die Konsequenzen aus der Krise der Flatrate-Branche gezogen".

Die großen Player leiden weniger

Das Elsmholmer Telekommunikationsunternehmen Talklinedagegen will mit seinem Rumpfangebot schlicht besser gerechnet haben. Anfang September informierte das Unternehmen die Presse darüber, dass die Probleme anderer Anbieter "hausgemacht" oder "vermeidbar" gewesen seien. "Wir haben es geschafft, das Angebot optimal an den Bedarf von Privatnutzern anzupassen, die in der Regel in den Abendstunden und am Wochenende surfen. Dabei sind wir von 500 Mbyte monatlichem Übertragunsvolumen ausgegangen - das entspricht einer maximalen 10fachen Steigerung des durchschnittlichen Nutzungsverhaltens", teilte das Unternehmen mit und fügte hinzu: "Mit dieser Kalkulation liegen wir offensichtlich richtig."

Auch Arcor sieht sich auf der sicheren Seite. Unternehmenssprecherin Barbara Kögler sagte Handelsblatt.com, da die Flatrate nur in 50 Städten mit ISDN-Anschluss angeboten werde, gebe es keine Kapazitätsprobleme. Das Unternehmen verweist auf größere Planungssicherheit, da die Interconnection-Gebühren mit der Zahlung von 25,40 DM im Monat pro Anschluss bereits abgegolten seien. Die Kunden könnten aus diesem Grund die Flatrate so nutzen, wie sie vorgesehen sei, nämlich rund um die Uhr. Konventionelle Flatrates sind für Arcor sowieso ein Auslaufmodell. Der schnellere DSL-Standard mit einem Extra-Kanal für die Datenübertragung, bislang nur in zehn größeren Städten erhältlich, soll nach und nach ausgebaut werden.

Die Mobilcom-Tochter Freenet , mit 1,3 Millionen Kunden drittgrößter Onlinedienst in Deutschland, leistet sich hingegen den Luxus, auf eine Flatrate für alle Nutzer zu verzichten. Vor zwei Jahren hatte Mobilcom in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Tomorrow ein Angebot auf den Markt gebracht, das zum Fiasko geraten war. Unter Berufung auf "Kapazitätsengpässen" hatte sich das bis dahin erfolgsverwöhnte Unternehmen klammheimlich vom Internet zum Festpreis verabschiedet.

Selbst T-Online , das derzeit auf 200 000 Flatrate-Kunden kommt, will den Run auf die Telefonleitungen nicht weiter anheizen und setzt seit Anfang September auf die T-DSL-Flatrate. Vorteil aus Unternehmenssicht: T-DSL belastet keine Verbindungsstellen. Die neue Technik, für die ein spezieller Anschluss und eigene Software erforderlich sind, kostet allerdings bei einer Nutzung über einen konventionellen ISDN-Anschluss 2,9 Pfennig Aufpreis pro Minute.

AOL probt den Aufstand

Konkurrent AOL mit fast 2 Millionen Kunden in Deutschland an zweiter Stelle, sieht sich genötigt, ebenfalls eine Flatrate anzubieten - und ist wenig zurückhaltend, wenn es um Kritik an den Durchleitungsgebühren der Telekom geht. "Das Uhrenticken während der Nutzung der Telekom-Ortsnetze gleicht für viele Unternehmen dem Ticken einer Zeitbombe, die die eigene Wirtschaftlichkeit sprengt", warnt AOL in einer Pressemitteilung. "Nur die Einführung einer Großhandelsflatrate - dabei zahlen die Provider einen Pauschalpreis für Netzkapazitäten an die Deutsche Telekom - kann dieses Risiko aus dem Weg räumen."

Telekom-Sprecher Broszio hält den Vorwurf nicht für gerechtfertigt. "Wir liegen bei Flatrates international gesehen im Mittelfeld", sagt er. "In Spanien hat ein Anbieter den Internetzugang inklusive aller Kosten für 24 DM im Monat offeriert. Der hat aber nur zwei Monate durchgehalten. Auch in Großbritannien und anderswo gehen Flatrate-Anbieter pleite. Glücklicherweise hat immerhin noch niemand gesagt, dass auch daran die Telekom schuld ist."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%