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Die Progressisten und die Presse

In Südamerika gibt es einige Regierungen, die sich "progressiv" nennen. Der Argentinier Nestor Kirchner etwa, der Brasilianer Lula da Silva, der Uruguayer Tabaré Vasquez und Hugo Chavez aus Venezuela.

In Südamerika gibt es einige Regierungen, die sich "progressiv" nennen. Der Argentinier Nestor Kirchner etwa, der Brasilianer Lula da Silva, der Uruguayer Tabaré Vasquez und Hugo Chavez aus Venezuela. Eine der Gemeinsamkeiten, die alle diese ach so "progressiven" Staatsoberhäupter teilen, ist ihre Scheu vor der Presse. Sie geben keine Pressekonferenzen oder stellen sich zumindest keinen kritischen Fragen.

Auf dem Gipfeltreffen der 34 amerikanischen Staaten in Mar del Plata letztes Wochenende wurde dieses Phänomen einmal mehr sichtbar: Es gab im ganzen sechs Pressekonferenzen. Zwei davon gaben kanadische Politiker, nämlich der kanadische Außenminister und der Premier. Weiterhin ließen sich auch der chilenische Präsident Lagos sowie der Mexikaner Vicente Fox auf ein offenes Gespräch mit der zahlreich vesammelten internationalen Presse ein und informierten offen und sachlich über ihre Visionen zu den Themen des Gipfels und dem komplizierten Szenario in den offiziellen Debatten in Mar del Plata, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden.

Der Präsident des Gastlandes, Argentinien, gab lediglich zusammen mit US-Präsident George W. Bush ein kurzes Statement nach deren Vier-Augen-Gespräch ab. Fragen durften dabei auf expliziten Wunsch der Argentinier nicht gestellt werden. Selbst zum Schluss der Veranstaltung ließ sich Nestor Kirchner nicht im Pressezentrum blicken sondern schickte seinen Außenminister Rafael Bielsa vor, der spätestens seit seiner monatelangen und erfolglosen Kampagne für einen Abgeordnetensitz das wenige außenpolitische Ansehen verloren hat, das er vielleicht einmal besessen hat. Das war die fünfte Pressekonferenz.

Die sechste schließlich gab der ebenso unterhaltsame wie demagogische Putschoberst Hugo Chavez, wobei man hier kaum von Pressekonferenz sprechen kann: Chavez hält gern lange Monologe, und läßt sich dann das ein oder andere Stichwort von einem kubanischen Journalisten oder sonst einem Gesinnungsgenossen geben.

Gemeinsam ist den "progressiven" Staatsoberhäuptern auch, dass sie ein Bad in der Menge lieben. In Argentinien etwa bringt Kirchner regelmässig die Sicherheitskräfte in Verzweiflung, weil er das Protokoll sprengt und sich plötzlich mitten in seine Fangemeinde stürzt. Auch Chavez liebt es, sich von seinen Anhängern herzen und anfeuern zu lassen. Kontakt zum gemeinen Volk also ja, aber bitte keine Kritik. Bei Kirchner geht es sogar so weit, dass er kritische Presseartikel immer schnell persönlich nimmt und entsprechend aggressiv kommentiert, oder gar eine Verschwörungstheorie dahinter wittert.

Die Pressescheu war zumindest bei Kirchner nicht immer so. Vor seiner Wahl zum Präsidenten pflegte er einen freundlichen Umgang mit der Presse. Aber seit er es im Mai 2003 ins höchste Staatsamt schaffte, hielt er es nicht für nötig auch nur eine einzige Pressekonferenz zu geben.

Gespannt sind die Journalisten jetzt, ob dieser Effekt auch bei Michele Bachelet einsetzen wird, der chilenischen Präsidentschaftskandidatin, die zum Club der Progressisten zählt und ein freundschaftliches Verhältnis etwa zu den Kirchners pflegt. Auch sie zeigt schon mal eine gewisse Ungeduld mit den Pressevertretern, stellt sich aber bisher noch deren Fragen. Es ist zu hoffen, dass sich das nicht ändert, wenn Bachelet mit großer Wahrscheinlichkeit im Dezember zur Präsidentin gewählt wird.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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