Die regionalen Fernsehsender sollen zu Allianzen zusammenwachsen, um die Werbeplätze besser vermarkten zu können
Kirch-Konzern will Regionalfernsehen profitabel machen

Mit privatem Stadtfernsehen könnte nach Branchenschätzungen in drei bis fünf Jahren Geld verdient werden. In Erwartung satter Werbeeinnahmen kaufen sich Medienkonzerne wie Kirch in Ballungsraumsender ein. RTL will dagegen angesichts der Internetentwicklungen nicht mehr im City-Fernsehen mitmischen.

DÜSSELDORF. Leo Kirch versucht, eine Kette von Regionalsendern unter seine Kontrolle zu bringen, bundesweite Werbeallianzen zu schmieden und den Sendern ein gemeinsames Mantelprogramm überzustülpen. Kirch baue an einer Art "Sat 2", sagen Kritiker. RTL, der schärfste Konkurrent Kirchs, überlässt dem Münchener Medienunternehmer das Regionalfernsehen kampflos. "Wir schließen aus, dass wir ins konventionelle Ballungsraumfernsehen gehen", sagt RTL-Regionalkoordinator Klaus Ebert dem Handelsblatt. Sobald die Übertragungsraten hoch genug seien, also in drei bis fünf Jahren, würde RTL regionale Nachrichten in bewegten Bildern übers Internet verbreiten.

Schweinebauchanzeigen und Standbilder

Den Geschäftsführer dreier Regionalfernsehsender Christian Böhmer beschleicht beim Gedanken an das Lokal-TV mitunter ein Albtraum. Der Manager des Münchner Medienkonzerns Kirch sieht "Garagenfernsehen" über die Mattscheibe flimmern, abgefilmte "Schweinebauchanzeigen", Standbilder von der "netten Pizzeria nebenan" und einen Bürgermeister, der zum Tanz unter'm Maibaum lädt.

"Wir brauchen kein Garagen- oder Schülerfernsehen, sondern hohen Standard", sagt Böhmer. Er ist steuert die drei wichtigsten deutschen Ballungsraumsender in Berlin, Hamburg und München. Das Sendertriumvirat gehört zur Münchner Kirch-Gruppe.

Der Konkurrent RTL schreckt nach einigen mehr oder minder erfolglosen Initiativen im City-TV vor weiteren Millioneninvestitionen zurück. Denn hoher Standard kostet auch im Regionalfernsehen viel Geld.

Gewinnzone frühestens 2003

Insider sprechen davon, dass die meisten Ballungsraumanbieter momentan einen Kostendeckungsgrad von kaum 30 Prozent erreichen. Sicher ist, dass die privaten Fernsehanbieter eine Durstrecke von mehreren Jahren Dauer überbrücken. Dabei werden sie zweistellige Millionenverluste hinnehmen. Kirch-Manager Böhmer rechnet damit, dass seine Lokalsender in den drei deutschen Millionenstädten frühestens ab 2003 die Gewinnzone erreichen - sobald der Markt bereinigt ist und sich Allianzen gebildet haben.

"Das wird eines Tages alles auf die Großmedialen hinauslaufen", sagt Prof. Klaus Schrape, Medienforscher beim Prognos-Insitut Basel. Über genügend Kapital verfügt neben RTL und den großen Zeitungshäusern nur Leo Kirch. Die Kirch-Sender TV Berlin und TV München haben ein Jahresbudget von 30 Mill. DM pro Jahr, Hamburg knapp 20 Millionen. Die zahllosen ostdeutschen Minisender mit 30 Wiederholungen pro Woche und kaum einer halben Million Mark Etat können in dieser Liga nicht mitspielen.

Momentan buhlen Hunderte regionaler Fernsehsender um die Gunst der Zuschauer. Doch diese Minisender mit ein, zwei Stunden Programm pro Woche - im Branchenjargon als "Bürgermeister-TV" verspottet - werden in den nächsten Jahren von der Bildfläche verschwinden, meinen Experten.

Nur die Branchenriesen können ein gewinnbringendes Vollprogramm mit Nachrichten, Serien und Spielfilmen liefern. Und diese Trumpfkarte spielt Kirch aus. "Wir glauben an das Ballungsraumfernsehen. Je mehr Kanäle es gibt, desto wichtiger werden regionale Angebote", sagt daher auch Stefan Ziffzer. Er ist bei der Kirch Media AG verantwortlich für das "Metropolenfernsehen", wie das Regional-TV intern in der Münchner Konzernzentrale genannt wird.

Kirch verfolgt ein einfaches Konzept: Er nutzt die Regionalsender als Abspielstation für billige Programmware und verwertet "durchgenudelte" Serien aus Archivbeständen wie "Bezaubernde Jeannie", "Bonanza" und "Waltons" zum vierten oder fünften Mal. "Der Teebeutel gehört Kirch, und er kann so oft Wasser darauf kippen wie er will", kommentiert ein Konkurrent die Strategie Kirchs.

Regionalfernsehen gehört in Deutschland mittlerweile zur "Top Ten" der deutschen Fernsehkanäle. Es ist etwa so beliebt wie Kabel 1 oder Vox. Das ergab eine Infratest-Studie. 14 Prozent der Fernsehzuschauer schalten täglich einen Ballungsraumsender ein. Allerdings gibt es noch weiße Flecken auf der Landkarte. Wenn Hessen und Nordrhein-Westfalen kommerzielles Regional-TV , im nächsten Jahr einführen, erreicht das private Ballungsraumfernsehen 10 Mill. Zuschauer mehr und könnte auf einen Schlag zur lohnenden Abspielstation für Programmware werden.

Leo Kirch könnte versuchen, die neuen Sender in NRW und Hessen in seine bundesweite Werbeallianz zu ziehen. Kirchs Vermarktungsagentur namens Seven One Media soll nationale Werbespots von Autofirmen und Bierbrauern ins Regionalfernsehen bringen. Neun Sendergruppen in einem "Deutschland Network" zusammengefunden zu einer gemeinsamen Vermarktung von Werbezeiten.

Denn Werbung im Regionalfernsehen ist preiswert. Zur besten Sendezeit kostet ein 30-Sekunden-Werbespot in ganz Deutschland rund 3 900 DM, bei SAT 1 ist es zehnmal so viel.

Peter Christmann, Geschäftsführer der Seven One Media, meint: "Alle Sender haben festgestellt, dass man wirtschaftlich nur mit einem Zwei-Säulen-Modell aus nationalen und regionalen Spots arbeiten kann. Wenn Rhein-Ruhr und das Rhein-Main-Gebiet im Deutschland-Network dazu kommen, können wir sehr viele nationale Werbekunden dazu gewinnen und erleben eine ähnliche Erfolgsstory wie bei den großen nationalen Privatsendern."

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