Die rettende Hand des Staates gibt der kränkelnden Airline-Branche ein völlig falsches Signal – Auch die Schweiz klammert sich an „ihre“ Swissair
Kommentar: Die EU muss neue Hilfen für Sabena ablehnen

Sind Fluggesellschaften wirklich ganz normale Unternehmen? Frei von staatlichen Verflechtungen - so wie SAP, Adidas, Siemens? Ein Blick in die Nachbarländer genügt, um festzustellen, dass die europäischen Airlines - allen Dementis zum Trotz - spätestens in Krisenzeiten völlig aus der Reihe tanzen.

Sie hängen am Rockzipfel der Nation, sobald der Bordcomputer den Sinkflug anzeigt. Und sie tun es umso selbstverständlicher, je näher der Absturz rückt.

Beispiel Belgien: Dort hat die heimische Regierung in mehreren Etappen bereits einige Milliarden DM in die seit Jahrzehnten defizitäre Sabena gepumpt. Immer dann, wenn der Konkurs bedrohlich nahe und der Flugbetrieb gefährdet schien, half der belgische Staat mit frischem Kapital aus. Die Konkurrenz wehrt sich bisher vergebens gegen derlei Wettbewerbsverzerrung. Eine schriftliche Sammelbeschwerde liegt seit Frühjahr dieses Jahres bei der EU-Kommission - bisher blieb sie unbeantwortet. Der Ärger bei Lufthansa, British Airways und Co. könnte schon am heutigen Mittwoch neu aufflammen. Die x-te Finanzspritze der belgischen Regierung in Höhe von umgerechnet 244 Millionen DM soll erneut den Segen der EU-Kommission bekommen.

In der liberalen Schweiz zeigt sich der Bund neuerdings ähnlich spendabel. Dort gehen die Uhren anders, seit das nationale Symbol namens Swissair nicht mal mehr Sprit einkaufen kann, um die Hochglanzflieger in die Luft zu bringen. Eine erste Überweisung in Höhe von 450 Millionen Schweizer Franken dürfte bereits in wenigen Tagen verbraucht sein, da der Insolvenzverwalter nahezu jedes Fränkli vom eingeflogenen Swissair-Umsatz in die Konkursmasse weiterleitet. Will die Swissair ihren Flugbetrieb bis zur geplanten Übernahme durch Crossair aufrechterhalten, wird sie nach jüngsten Berechnungen mindestens eine weitere Milliarde Franken brauchen.

Private Großinvestoren halten sich bisher vornehm zurück. Bei einem horrenden Schuldenberg der Swissair von fast 17 Milliarden Franken will niemand seine Überweisung in der Konkursmasse verschwinden sehen. Wer also rettet die Schweizer Luftfahrt? Einiges deutet darauf hin, dass der Schweizer Bund angesichts der hoffnungslosen Swissair-Lage nicht nur weitere Zahlungen leistet, sondern den Erhalt "seiner" Airline gar über eine Staatsbeteiligung sichern könnte.

Eine Kehrtwende dieser Art würde der systematischen Geldvernichtung Tür und Tor öffnen. Doch damit nicht genug: Auch die heute noch gesunden Airlines müssten sich früher oder später unter den Schutz ihrer Nationalstaaten begeben, weil staatlich subventionierte Flieger ihnen mit Dumpingpreisen die Kunden abspenstig machen. Wie das funktioniert, kann man an den mit Hilfsgeldern voll gepumpten US-Fluggesellschaft sehen, die auf den Transatlantik-Routen europäische Fluglinien derzeit preislich weit unterbieten.

Sollten also Fälle wie Sabena und Swissair Schule machen, wird die dringend nötige Konsolidierung im europäischen Luftverkehr gefährdet. Bisher hat die EU-Kommission zwar harte Worte gefunden, aber noch keine Härte gezeigt. Sie muss nun vor ihrer eigenen Haustür ein Signal für den Wettbewerb geben. Das kann nur ein Signal gegen Sabena sein.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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