Die "rote Gräfin"
Marion Gräfin Dönhoff gestorben

Marion Gräfin Dönhoff, die große Dame des politischen Journalismus in Deutschland, ist tot. Dies teilte die "Zeit" am Montag mit.

Die langjährige Chefredakteurin und Herausgeberin der Hamburger Wochenzeitung starb im Alter von 92 Jahren. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten unterstützte sie den Widerstand gegen die Diktatur. Nach ihrer Flucht aus Ostpreußen trat die Gräfin im Sommer 1946 in die frisch gegründete Zeit-Redaktion ein. Im Nachkriegsdeutschland prägte sie den Aufbau neuer journalistischer Strukturen. Sie leitete das politische Ressort der Wochenzeitung, war Chefredakteurin und ab 1973 Herausgeberin.

Am 2. Dezember 1909 wird Marion Hedda Ilse Gräfin Dönhoff auf dem Familiensitz Schloss Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Ihr Vater, August Karl Graf Dönhoff, ist ein Mitglied des Preußischen Herrenhauses und Reichstagsabgeordneter, ihre Mutter Ria von Lepel eine Palastdame der Kaiserin Auguste Viktoria. Marion Gräfin Dönhoff wächst als viertes Kind in einer halb-feudalen Gesellschaft auf.

Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 zeigt Marion Gräfin Dönhoff öffentlich ihre Ablehnung des NS-Regimes. Sie versucht, die Hakenkreuzfahne vom Dach der Universität zu entfernen und reißt Plakate, die Dozenten als Juden und Linke anprangern, von den Wänden. Sie verteilt Flugblätter gegen die Nationalsozialisten und wird wegen ihrer Sympathien für die Linken als die "rote Gräfin" bekannt. Um einer Verfolgung zu entgehen, wechselt sie nach Basel.

Nach der Rückkehr führt Marion Gräfin Dönhoff von 1940 bis 1945 das Doppelleben einer regimetreuen Gräfin und Widerstandskämpferin. Sie beteiligt sich am Widerstand unter Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Sie leitet Mitteilungen an ausländische Diplomaten in der Schweiz weiter, hält die Verbindung zwischen den Mitgliedern des Widerstandes und knüpft Kontakte zu weiteren Sympathisanten.

Beim Einmarsch der sowjetischen Streitkräfte 1945 muss Marion Gräfin Dönhoff die Güter in Ostpreußen verlassen und in den Westen fliehen. Schloss Friedrichstein wird vollständig zerstört.

Im Jahre 1946 wird die Redaktion der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit auf die Gräfin aufmerksam; sie wird als freie Mitarbeiterin aufgenommen und bald für ihre kritischen Artikel bekannt. Überwiegend basieren sie auf ihren Erfahrungen im Widerstand, dem Verlust der Heimat und dem Wunsch nach Frieden und internationaler Zusammenarbeit.

1955 wird Gräfin Dönhoff Ressortleiterin für Politik und stellvertretende Chefredakteurin der Zeit. Als scharfe Kritikerin Konrad Adenauers tritt sie für eine versöhnende Ost-Politik und die deutsche Wiedervereinigung ein. Im Jahre 1968 wird sie Chefredakteurin der Wochenzeitung.

Für ihr Engagement für Frieden und Versöhnung mit den osteuropäischen Ländern wird Marion Gräfin Dönhoff im Jahre 1971 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. 1972 wird sie Herausgeberin der Zeit. Auch weiterhin veröffentlicht sie Artikel, widmet sich nun aber stärker eigenen Publikationen.

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