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Die Sake-Krise

Er mag noch immer gleich hinter Sushi und Tempura kommen, wenn man an typisch japanische Gaumenfreuden denkt: Sake. In kleinen Schälchen serviert, die das Miteinander des Abends unterstützen – denn sich selbst einschenken, ist gegen die Etikette.

Er mag noch immer gleich hinter Sushi und Tempura kommen, wenn man an typisch japanische Gaumenfreuden denkt: Sake. In kleinen Schälchen serviert, die das Miteinander des Abends unterstützen – denn sich selbst einschenken, ist gegen die Etikette. Im Winter auch gerne heiß getrunken - oder jüngst eben nicht mehr ganz so gerne.

Wer heute mit japanischen Freunden in Tokio einen Abend in einer gemütlichen Izakaya, einer Mischung aus Restaurant und Kneipe, oder auch einer der angesagten, edleren Bars verbringt, der wird Japans Nationalgetränk immer seltener auf den Tischen sehen. Bier ist ohnehin das dominierende Alkoholprodukt in Japan. Doch auch unter den typisch japanischen Getränken ist Sake out. Shochu ist in – ein destillierter Schnaps, der je nach Machart aus Reis, Gerste, Süßkartoffeln oder Zuckerrohr hergestellt wird.

Hatte Shochu mit bis zu 60 Prozent Alkoholgehalt lange den Ruf eines Altmännergetränks, gilt er heute vor allem unter jungen Frauen als schick. On the rocks oder mit Sirup oder Saft als Alkopop auf Japanisch. Die gefragtesten Shochu-Marken in der schier unüberschaubaren Palette geben einige Händler nur noch zu astronomischen Preisen ab.

War es nur die ständige Suche der Japaner nach neuen Trends, die dem teilweise doch gewöhnungsbedürftigen Shochu den unverhofften Boom bescherte? War es das stark gestiegene touristische Interesse an der südlichen Insel Okinawa, die zusammen mit der größeren Insel Kyushu im Süden Japans die traditionelle Heimatregion für das Getränk ist? Oder waren es die Gerüchte, Shochu sei gesund, unter anderem gut gegen Thrombose? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Mit dem Resultat, dass nicht nur die Werbeagentur Dentsu Shochu zu einem der Hitprodukte 2004 erklärt hat – und das obwohl der Alkoholabsatz in Japan angesichts eines höheren Anteils alter Menschen insgesamt eher zurückgeht.

Den Sake-Brauereien, die vor allem in der Kansai-Region um die Städte Kyoto und Kobe angesiedelt sind, ist alles andere als zum Anstoßen zu Mute. Vor zehn Jahren haben die Japaner noch 1,3 Milliarden Liter Sake im Jahr getrunken und nur halb so viel Shochu. Mittlerweile hat sich das Verhältnis fast umgekehrt. Mehr als 1 Milliarde Liter Shochu werden getrunken. Der Sakekonsum nimmt dagegen zweistellig ab und ist auf rund eine dreiviertel Milliarde Liter gesunken. Die größten Sake-Firmen spüren die Krise so sehr, dass sie sich im Herbst erstmals zusammengetan haben, um gemeinsam für den Reiswein, in Japan Nihonshu genannt, zu werben. „Herz, Schönheit, Körper“ ist der Titel der Werbekampagne, die den Konsumenten unter anderen Glauben machen will, dass es besser sei, Sake zu trinken als Vitamintabletten zu nehmen.

Und nur für den Fall, dass die Konsumenten sich davon nicht überzeugen lassen, brauen immer mehr Sake- und Bierhersteller zusätzlich ihre eigenen Shochu-Sorten, damit der Boom nicht vollends an ihnen vorbeigeht. Wer also demnächst beim Japanbesuch oder im japanischen Restaurant zu hause das derzeit wirkliche Nationalgetränk Nippons testen will, der muss sich vom Sake verabschieden.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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