Die schnellen Messenger lassen E-Mails alt aussehen: Elektronische Boten unerwünscht

Die schnellen Messenger lassen E-Mails alt aussehen
Elektronische Boten unerwünscht

Schnelle Nachrichten von Bildschirm zu Bildschirm beschleunigen die Kommunikation. Trotzdem nutzen nur wenige Unternehmen den "Instant Messenger"- aus Angst vor Attacken aus dem Netz.

Tina Holderried ist für Kunden und Geschäftspartner immer erreichbar. Sobald sie an ihren Arbeitsplatz kommt, loggt sie sich in ihren "Instant Messenger" ein. Alle Buddies, also alle, die Holderried per Knopfdruck zum Kreis ihrer Online-Partner erkoren hat, wissen dann, dass sie da ist - ganz gleich, ob sie in Paris, München oder New York sitzen. "Ich wickele viele Besprechungen über den Messenger ab", erklärt die Deutsche, die seit zwei Jahren als Kundenbetreuerin für internationale Kampagnen bei Media Track, der Agentur der französischen CoSpirit-Gruppe in Paris arbeitet.

Die Software, die eine direkte Kommunikation im Netz ermöglicht, weil gesendete Nachrichten sofort auf dem Bildschirm des Empfängers erscheinen und ihn zur Antwort animieren, ist einfach praktisch, findet die 27-jährige Diplom-Anglistin. "Es geht schneller, als Mails zu schicken", sagt Holderried, "und ist weniger aufwändig als ein Telefonat." Kurzum, instant messaging sei "eine angenehme Art, in Kontakt zu bleiben", erst recht, wenn der Gesprächspartner mehrere Flugstunden entfernt sitzt.

Außerdem, so die Kontakterin, "erfährt man eine ganze Menge über die ?Buddies? im eigenen und in anderen Unternehmen." Holderried zählt auf: Man sieht, wann sich Kollegen oder Geschäftspartner ein- und ausloggen. Man erfährt, wann und wie lange sie Mittagspause machen. Auch die Kommunikation selbst verändere sich, berichtet sie: "Mir fällt es manchmal leichter, ein Problem im Messenger zu thematisieren als im persönlichen Gespräch, wahrscheinlich, weil ich den Gesprächspartner nicht direkt sehe."

Private Installationen sorgen für wenig Freude

Holderried gehört zur Avantgarde. Während Millionen Deutsche daheim mit Hilfe der elektronischen Boten chatten, haben nur wenige Unternehmen hier zu Lande dieses Kommunikationsmittel eingeführt, am ehesten noch die Medienbranche. Sabine Christiansen etwa hält über Messenger mit ihren Rechercheuren vom "Medienkontor" Kontakt, n-tv-Moderator Carsten Meyer chattet mit Freunden und Kollegen in den USA, während die Berater der Münchener PR-Agentur Ketchum ihre Kundentermine über den Messenger abstimmen. Ihr Fazit: Die schnellen Messenger lassen E-Mails alt aussehen.

In der Industrie, bei großen Bankhäusern oder bei Börsenhändlern hat sich diese Einsicht aber noch nicht durchgesetzt. "Kein Bedarf", heißt es etwa bei der 3M Deutschland. Oder: "E-Mail ist für uns schnell genug", so der Kommentar aus der Deutschen Bank, Frankfurt. Selbst bei Startups sucht man derlei High-Tech-Spielereien vergebens. Jedenfalls offiziell. Doch es gibt Unternehmen, in denen sich einzelne Mitarbeiter einen Messenger installieren, weil sie ihn auf dem heimischen Rechner haben und auf den elektronischen Boten nicht mehr verzichten mögen. Das erzeugt nicht gerade Freude bei Systemadministratoren und IT-Chefs, die sich um die Sicherheit sorgen - zu Recht, wie Meldungen über eine Sicherheitslücke bei AOL Anfang des Jahres bewiesen.

"Deutsche Unternehmen sind konservativ", sagt Frank Heising, IT-Consultant bei der Beratungsgruppe Avinci in Ratingen bei Düsseldorf, "sie sind auf sichere Informationstechnik bedacht". Tatsächlich bergen Messenger, die man sich aus dem Netz laden kann, eine Gefahr für die Unternehmensnetze, wenn die Nutzer aus dem Firmennetz heraus über andere Server im Internet kommunizieren. Denn diese externen Messenger umgehen die Firewalls, öffnen Türen im Sicherheitssystem. Letztlich seien diese Programme wie trojanische Pferde, findet Heising, sie sind die "Vehikel, über die sich Unternehmen ausspionieren lassen".

Die Welle lässt noch auf sich warten

Deshalb rät der Consultant von Freeware aus den Häusern AOL, ICQ, MSN oder Yahoo ab, wenn sie unabhängig vom Intranet installiert sind. Heising empfiehlt statt dessen Messenger, die innerhalb des firmeneigenen Netzes betrieben werden können: "Sie sind keine Gefahr für die Firewall, also auch keine Gefahr für die Sicherheit des Unternehmensnetzes."

Zurückhaltung diagnostiziert auch Trendforscher Klaus Burmeister vom Essener Z_Punkt, einem Büro für Zukunftsgestaltung: "Es gibt niemanden, der die neue Kommunikationstechnik richtig pusht." Würden Großunternehmen den Messenger einsetzen, so Burmeisters Vermutung, zögen Zulieferer und Geschäftspartner nach. So könnte sich eine Welle in Bewegung setzen.

Vielleicht ist Daimler-Chrysler ein solcher Akteur, denn die IT-Manager des Autoherstellers testen seit einigen Monaten den Lotus-Messenger Sametime. "Er hat eine Menge Vorteile", sagt Dietrich Schreiner, Leiter E-Collaboration im Bereich ITM bei DaimlerChrysler, "gerade für ein global agierendes Unternehmen mit Standorten in der ganzen Welt". Der elektronische Bote dient den IT-Managern für Terminabsprachen, Rückfragen, etwa während eines Telefonats, oder den Austausch von Dokumenten. Selbst Mini-Konferenzen, in denen etwa Präsentationen vorbereitet werden, lassen sich abhalten: Die Dokumente werden über den Messenger ausgetauscht, während parallel eine Telefonkonferenz geschaltet ist. So sei schon manche Videokonferenz überflüssig geworden, für die extra ein Raum gebucht werden müsse, berichtet Schreiner.

"In Deutschland wird es noch eine ganze Weile dauern, bis sich der Messenger durchsetzt. Dazu muss sich erst die Kommunikationskultur ändern", sagt IT-Consultant Heising. Noch greifen die Deutschen eben lieber zum Telefon, wenn sie etwas wissen wollen, und nicht in die Tastatur.

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