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Die Schul-Manager

Nach den Ferien starten Hunderte neuer Ganztagsschulen

Beim Blick aus dem Fenster stutzt Beatrice Icks. Unten auf dem schmalen Rasenstück spielt sich eine ungewöhnliche Szene ab: Drei Angestellte ihres Lehrbetriebs rennen unter dem Rasensprenger hindurch, gefolgt von einer Schar kreischender Kinder. Die Hitze mag manches entschuldigen. Aber Icks zählt zusammen: Eine BAT-Stunde plus zwei mittlere Honorarsätze - eigentlich zu teuer für den kindischen Wasserspaß am frühen Nachmittag.

Bei dieser Rechnung lacht die Direktorin fast entschuldigend. Dieses unternehmerische Denken passt noch nicht richtig zu ihr. Die studierte Kunsterzieherin lenkt kein Wirtschaftsunternehmen, sondern eine Grundschule in Koblenz-Lützel. Vor einem Jahr stellte sie auf Ganztagsschulbetrieb um. Nun wirkt sie etwas erschöpft, aber zufrieden. Sie erzählt von Dankesbriefen der Kinder, gestikuliert entschlossen mit ihren gepflegten Händen und sagt: "Es hat funktioniert."

Die Schulleiterin ist eine von 81 Pionieren in Rheinland-Pfalz, und ihre Reform macht jetzt bundesweit Schule. "Es herrscht Aufbruchstimmung, aber es könnte schneller gehen", bilanziert Stefan Appel, Leiter des Verbands der Ganztagsschulen. Mit dem neuen Schuljahr starten einige Hundert neue Schulen dieses Typs, in wenigen Jahren soll jeder Schüler die Möglichkeit haben, ganztags unterkommen zu können. Schließlich hat die Bundesregierung die Rundumbetreuung als Allheilmittel gegen die deutsche Schulmisere entdeckt. Dafür sollen unter anderem die vier Milliarden Euro sorgen, mit denen die Bundeskasse insgesamt bis zum Jahr 2007 den Um- und Ausbau von Schulen fördert.

Dass davon nur 50 000 Euro in ihrer Grundschule ankommen, enttäuscht Beatrice Icks. An eine größere Kantine oder einen Werkraum sei bei der Summe nicht zu denken, auch nicht an Jalousien für die Klassenräume, auf die nachmittags die Sonne prallt. Es reicht gerade für Stühle und Tische, einige Lehrmittel und abschließbare Schränke für die Klassenräume, die nachmittags von anderen Gruppen genutzt werden müssen.

Zusätzlich gibt Rheinland-Pfalz, das sich als bildungspolitischer Vorreiter sieht, Geld fürs Personal. Die Schüler entscheiden hier zu Schulbeginn, ob sie mitmachen, dann ist das Ganztagsprogramm für sie verbindlich. Für jeden Nachmittagsschüler erhält Icks eine halbe zusätzliche Wochenstunde Lehrergehalt, macht in Koblenz-Lützel knapp 60 Stundenäquivalente. Das reicht für einen zusätzlichen Lehrer, der nachmittags Hausaufgaben betreut und Förderkurse gibt.

Den Rest des Personalbudgets verteilt Icks in eigener Regie - Hauptsache, ihr pädagogisches Konzept wurde vom Schulaufsichtsamt abgesegnet. Die Schul-Managerin holt ihr Rechenwerk und die braune Lesebrille aus der Schublade. Fein säuberlich mit Bleistift hat sie für jeden Nachmittagskurs und jede Klassenstufe die Honorare eingetragen, summiert und ins entscheidende Maß umgerechnet, das Lehrerstundengehalt. Das sieht provisorisch aus, geht aber auf: "Ich will die neue Verwaltungsarbeit so einfach wie möglich halten", meint Icks. Wenig Skrupel hat sie, Stundensätze der Honorarkräfte zu drücken. Je geringer die Honorare, desto kleiner die Lerngruppen, heißt ihre Gleichung.

Und einige "Außerschulische", so das Behördendeutsch, sind besonders vielseitig. Zum Beispiel Anja Wolf, selbst Mutter von drei Kindern auf der Grundschule Lützel und eine von acht Honorarkräften für die zweistündige Mittagspause. Die allein erziehende Mutter kommt jeden Mittag um zwölf direkt von ihrem Halbtagsjob in einer Anwaltskanzlei, deckt den Tisch für 30 Kinder, reicht das Essen, gekocht in der Koblenzer Behindertenwerkstatt. Nach einer halben Stunde muss der Tisch geräumt sein: von 12 bis 13 Uhr sind die Erst- und Zweitklässler dran, danach die größeren Schüler. Das Toben auf dem Pausenhof oder Spielen im Nachbarraum beaufsichtigen anschließend auch Mütter. Je 320 Euro verdienen sie dafür im Monat in ihrem Minijob - das kommt weitaus billiger, als wenn der verbeamtete Lehrkörper die Tische abwischen würde.

Danach lernen die Kinder kochen oder schreiben, oder sie schneidern Kostüme für den Theaterkurs. Zwischendurch gibt es Sport zum Austoben. Dass schließlich um 16 Uhr ihre eigenen Kinder mit gefüllten Aufgabenheften nach Hause kommen, freut Anja Wolf am meisten: "Das entlastet sehr, da verlasse ich mich drauf." Dafür könne keiner besser sorgen als Lehrer.

Gemessen an den Noten, hat sich der Ganztagesversuch in Koblenz schon nach einem Jahr gelohnt. Auch Icks? Kollegin Mieke Düker sieht das so. Die 60-Jährige hat es an der Goethe-Hauptschule, einen langen Straßenzug weiter, mit einer besonders harten Klientel zu tun: Nur ein Drittel der Schüler spricht Deutsch als Muttersprache, kaum ein Elternteil arbeitet oder sieht einen Sinn in Zeugnissen und Abschlüssen. Aber immerhin 53 Prozent der 215 Ganztagsschüler gaben in einer Umfrage an, ihre Leistungen hätten sich in dem Jahr verbessert, zu Recht. Gegen Lücken im Kopfrechnen und Textverständnis kann die Ganztagsschule durchaus ein Rezept sein.

Allerdings ist die Ganztagsschule kein Allheilmittel gegen die gerade unter Hauptschülern grassierende Schulunlust, wie die gleiche Umfrage zeigt: Mehr als die Hälfte der Ganztagsschüler will nachmittags der Hauptschule lieber den Rücken kehren. Sie "gockeln" lieber in der Stadt herum, meint Düker und fügt schnell hinzu: "Die einfache Addition von Nachmittagsangeboten haut nicht hin." Das Rezept der resoluten Hauptschulrektorin heißt nun "Rhythmisierung". Den ganzen Tag wechseln sich Unterrichtszeiten ab mit Gelegenheiten zum Toben, Entspannen oder Spielen. Am Vormittag gibt es den Trommelkurs oder die Vorlesestunde, nachmittags Biologie oder Sozialkunde. Zwei fünfte Klassen der Goetheschule starteten bereits gesammelt in diese "echte" Ganztagswelt. Das Ergebnis gibt Düker Recht: Alle bisherigen Fünftklässler wollen im neuen Schuljahr so weitermachen. Zwei neue fünfte Klassen kommen hinzu.

Schon heute gibt es in dem schlichten Betonbau aus den späten 60er-Jahren genug Platz zum Turnen, Werken und Essen, und gegen demotivierte Schüler würden selbst die Milliarden aus Berlin nicht helfen. Und das außerschulische Personal habe sich erst an den rauen Umgangston gewöhnen müssen, erzählt Düker. "Geh doch nach Hause", habe ein Schüler seinem Musiklehrer entgegengerotzt, als die Direktorin gerade vorbeikam. Da präsentierte Düker eine einfache Rechnung: 1 500 Euro koste die außerschulische Honorarkraft die Schule im Jahr. Wenn der Musikkurs ausfalle, sei das verlorenes Geld - und irgendeiner müsse dafür zahlen. Das wollte Marius dann doch nicht und nahm zahm hinter seinem Schlagzeug Platz. Die Schule als Unternehmen - das, meint Düker, lässt sich auch Schülern vermitteln, für die Schule eigentlich längst "out" ist.

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