Die sechs deutschen UMTS-Betreiber verlangen von der Bundesregierung die Freigabe des Frequenzhandels
Mobilfunk: Erste Runde

Die Cheflobbyisten verabredeten absolute Diskretion. Wochenlang pendelten die Rechts- und Regulierungsexperten der sechs deutschen UMTS-Betreiber zwischen ihren Firmenzentralen, um einen für alle Seiten akzeptablen Ausweg aus der UMTS-Misere zu finden.
  • 0

DÜSSELDORF. Schließlich einigte sich die Sechsergruppe auf ein Positionspapier, das an den Bundeswirtschaftsminister geschickt wurde. Der Minister möge doch, so die erstmals schriftlich fixierte Forderung, die Frequenzvergabe "flexibler gestalten" und die "Möglichkeit schaffen, Frequenzen unter bestehenden Lizenznehmern zu übertragen".

Die Mobilfunker bereiten den vorläufig letzten Akt des Milliardendebakels UMTS vor - den geordneten Rückzug. Noch in diesem Jahr wollen sich die sechs in Deutschland aktiven UMTS-Betreiber zu drei, allerhöchstens vier schwergewichtigen UMTS-Allianzen zusammenschließen. Da macht es durchaus Sinn, Bundeswirtschaftsminister Werner Müller sowie dem Chef der Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunika-tion und Post (RegTP), Matthias Kurth, rechtzeitig praktikable Lösungsvorschläge zu unterbreiten, was mit den teuer erkauften Lizenzen und Frequenzen passieren soll. Ansonsten bliebe es bei der teuren Altregel: Frequenz und Lizenz im Wert von rund 8,5 Milliarden Euro fallen an die RegTP zurück und müssen sofort wieder neu ausgeschrieben werden.

Europas Mobilfunker, einst die Vorzeigebranche mit den höchsten Wachstumsraten, kämpfen gegen den endgültigen Absturz. Im vergangenen Jahr mussten bereits British Telecom und Hollands KPN ein Sanierungsprogramm auflegen und mit dem Verkauf von Unternehmensteilen den Schuldenstand drücken. Jetzt geraten sogar die vermeintlich Großen - Vodafone, Deutsche Telekom und France Télécom - in eine gefährliche Schieflage. In den nächsten Monaten drohen nicht nur Sonderabschreibungen in Milliardenhöhe auf zu teuer eingekaufte Mobilfunktöchter. Auch die Diskussion über den tatsächlichen Wert der für 15 Milliarden Euro und mehr in Europa ersteigerten UMTS-Lizenzen beunruhigt die auf schlechte Nachrichten hypernervös reagierenden Aktionäre.

Noch nie haben die Chefs einer Zukunftsbranche so viel Vertrauen in so kurzer Zeit verspielt. Heute, zwei Jahre nach der ersten UMTS-Auktion, steht fest: Die einstige Boombranche, die in den Neunzigerjahren davon zehrte, dass jede aufgestellte Marktprognose übertroffen wurde, erlebt einen Dämpfer nach dem anderen. Das mobile Multimediageschäft, so die immer wieder nach unten korrigierten Hochrechnungen der Marktforscher, beginnt deutlich später, entwickelt sich langsamer zum Massengeschäft und ist auch noch mit viel geringeren Umsätzen verbunden, als die Netzbetreiber in ihre allzu mutigen Geschäftspläne geschrieben hatten.

Die "Börsenzeitung" vergleicht die vor zwei Jahren noch so hoch gehandelten Mobilfunker inzwischen mit einem "langweiligen Wasserwerk", das kaum Aussichten auf dynamisches Wachstum besitzt. Wenn jetzt auch noch i-mode, das von E-Plus aus Japan importierte mobile Multimediaportal, in Deutschland ein Flop wird, kann die Mobilfunkbranche endgültig einpacken.

Vor allem die vier kleinen UMTS-Betreiber denken über Rückzugs- und Fusionsmöglichkeiten nach. In den Strategieplänen von Quam und O2 ist das Wort "Ausstieg" längst kein Tabu mehr. Bei Mobilcom droht sogar die Zahlungsunfähigkeit, wenn die von France Télécom beauftragten Banken nicht bald die Milliardenkredite verlängern und ein Übernahmeangebot an Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid und die übrigen Aktionäre abgeben.

Tatsächlich ist die Chance, das mobile Multimediageschäft im Alleingang aufzurollen, in den vergangenen Wochen auf den Nullpunkt gesunken. Auch die Hoffnung von Ernst Folgmann, Chef der deutschen Telefónica-Tochter Quam, in einem gesättigten Mobilfunkmarkt unzufriedene Kunden von anderen Mobilfunkbetreibern gewinnen zu können, ging nicht auf. Gerade mal 100000 Kunden entschieden sich seit dem Start vor sechs Monaten für den Neuling - zu wenig, um langfristig auf dem deutschen Mobilfunkmarkt überleben zu können.

Andere Optionen, schneller auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, haben die Quam-Manager wieder verworfen. Für einen aggressiven Preiskampf gegen die etablierten Marktführer T-Mobile und Vodafone fehlt der Telefónica-Tochter das Geld. Und die Übernahme eines großen Service-Providers wie Debitel (über sieben Millionen Kunden) birgt das kaum kalkulierbare Risiko, dass ein Großteil der Kunden den von Debitel vermarkteten Netzbetreibern T-Mobile, Vodafone und E-Plus die Treue hält. Als letzte Option bleibt nur noch ein Einstieg bei E-Plus, dem mit 7,5 Millionen Kunden drittgrößten deutschen Mobilfunkbetreiber.

E-Plus entwickelt sich immer stärker zum Objekt der Begierde. Egal, welches Kooperationsmodell aufgelegt wird - die KPN-Tochter spielt dabei eine Schlüsselrolle. So gibt es den Plan, den gesamten Netzbetrieb der vier kleinen UMTS-Betreiber in eine gemeinsame Netzgesellschaft auszulagern. Anstelle von vier UMTS-Netzen würden die Kleinen nur noch eine einzige Infrastruktur gemeinsam aufbauen und betreiben müssen. Die Investitions- und Betriebskosten würden schnell um rund fünf Milliarden Euro auf 25 Prozent der vorgesehenen Summe zurückgefahren.

Auch die Übernahme einer strategischen E-Plus-Beteiligung von mindestens 25,1 Prozent wurde von Telefónica und France Télécom in den vergangenen Wochen mehrfach geprüft. Nach dem Ausstieg von Bell South hält KPN heute direkt und indirekt über KPN Mobile rund 90 Prozent an E-Plus. Ein Teil könnte sofort an einen neuen Investor gehen. "Bei einer Konsolidierung sitzen wir in der Poleposition", sagt Horst Lennertz, Technikchef bei KPN Mobile.

Der Handlungsdruck ist inzwischen auch bei der Deutschen Telekom so groß, dass sich die Mobilfunktochter T-Mobile an solchen Kooperationen beteiligen will. So denken auch T-Mobile und mmO2 (ehemals Viag Interkom) über die Gründung einer gemeinsamen Betreibergesellschaft für die Mobilfunktöchter in Deutschland und Großbritannien nach. Die beiden Gesellschaften hatten bereits im vergangenen Jahr die erste Kooperation beim Aufbau ihrer UMTS-Netze besiegelt. Die Investitionen und Betriebskosten lassen sich halbieren, wenn der gesamte Aufbau und Betrieb des UMTS-Netzes ausgelagert wird. Dietrich Beese, für Regulierungsfragen zuständiger O2-Geschäftsführer, wird nicht müde, den Vergleich mit den Autobahnen zu strapazieren: "Es macht keinen Sinn, mehrere Rennstrecken nebeneinander zu bauen. Für Deutschland reichen drei Infrastrukturen."

Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick würde sich sogar von allen Antennenstandorten trennen. Den erhofften Verkaufserlös in Höhe von 1,5 Milliarden Euro hat Eick bereits in seinen jüngsten Entschuldungsplan aufgenommen.

Solche Planspiele erhöhen den Druck auf die Bundesregierung, den bislang streng untersagten Frequenzhandel freizugeben. Erik Lenhard, Frequenzspezialist bei der Münchner Unternehmensberatung Solon, hat bereits einen Sechspunkteplan vorgelegt, wie die juristisch äußerst heikle Umgestaltung des Frequenzregelwerks angepackt werden könnte.

Der Erfinder der inzwischen so umstrittenen UMTS-Auktion, der ehemalige Regulierungschef und heutige Managing Director bei Credit Suisse First Bosten, Klaus-Dieter Scheurle, sieht durchaus Spielraum für neue UMTS-Regeln. Man könne die Lizenzbedingungen auch so auslegen, mischt sich Scheurle in die Diskussion ein, dass jeder UMTS-Betreiber statt bisher zwei auch vier Frequenzblöcke behalten könne. Für eine erste Konsolidierungsrunde, etwa die Fusion zweier UMTS-Betreiber, gäbe es dann keine regulatorischen Hürden mehr.

Offiziell lehnt das Bundeswirtschaftsministerium eine Lockerung der Frequenzvergabe und UMTS-Lizenzbedingungen allerdings kategorisch ab. Erst kürzlich bekannte sich der für Telekommunikation zuständige Staatssekretär, Alfred Tacke, ausdrücklich zum Infrastrukturwettbewerb. "Wir waren nie Freunde der Mitbenutzung von Netzen."

Doch hinter den Kulissen stellt das Ministerium erste Weichen in Richtung Frequenzhandel. Das dem Bundeswirtschaftsministerium angeschlossene Wissenschaftliche Institut für Kommunikationsdienste (WIK) in Bad Honnef soll in den kommenden Wochen Vorschläge unterbreiten, wie der Handel von Funkfrequenzen in Deutschland gestaltet werden könnte.

Rückendeckung bekäme die Bundesregierung aus Brüssel. Erst kürzlich hatte die EU-Kommission eine neue Richtlinie veröffentlicht, die sich ausdrücklich für eine Freigabe des Frequenzhandels ausspricht. Ganz lapidar legt Artikel 9 fest: "Die Mitgliedstaaten können Unternehmen die Übertragung von Frequenznutzungsrechten gestatten."

Eine Kröte müssen die UMTS-Betreiber dann allerdings schlucken. Denn noch stehen die teuer erkauften Lizenzen zu sehr hohen Werten in den Büchern der Unternehmen. Spätestens, wenn die erste UMTS-Frequenz angeboten wird, kann aber jeder sofort erkennen, was die Frequenzen tatsächlich noch wert sind.

Stand heute: nicht mehr viel.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%