Die seltsam anmutenden Schachzüge der Manager
Im Schachsport regieren noch immer dubiose Herren

Vorstände lassen sich bei Fide-Wettbewerben Pro-Forma-Aufgaben vergüten. Bewerber klagen, dass einige Veranstaltungen nur gegen Bestechung zu bekommen sind.

WIEN. Ruslan Ponomarjow ist sauer. Der 19-jährige Ukrainer, der 2002 überraschend Weltmeister des offiziellen Weltschachbunds Fide wurde, fühlt sich in Topform. Gerade jetzt meint er, gegen den Weltranglistenersten Garri Kasparow bestehen zu können. Doch ihr Zweikampf um den Fide-Titel, der vergangene Woche in Buenos Aires beginnen sollte, ist verschoben worden. Während die Fide bereits verbreitet, das Match könne Ende September auf der Krim nachgeholt werden, gibt sich Ruslan Ponomarjow kämpferisch. Von Kirsan Iljumschinow, dem vermögenden Fide-Präsidenten, fordert er 150 000 Dollar Schadensersatz.

Auch der inoffizielle Weltmeister Wladimir Kramnik und sein Herausforderer Peter Leko haben sich den Juni und Juli vergebens frei gehalten. Die englische Fernsehfirma Einstein Group, die für ein Match zwischen dem Ungarn und dem Russen Sponsoren und Ausrichter finden muss, hat kürzlich ihr Scheitern eingeräumt. Wenn die Einstein Group nicht rasch etwas vorweisen kann, werden Kramnik und Leko laut dem Dortmunder Carsten Hensel, der beide geschäftlich vertritt, in wenigen Wochen aus dem Vertrag aussteigen und ihre Spiele auf eigene Faust vermarkten.

Die Sieger der beiden Zweikämpfe sollten in einem weiteren Match den unumstrittenen Weltmeister ermitteln. Das war im Mai 2002 verabredet worden. Ihrer jeweiligen Titulierung zum Trotz handelt es sich bei den beiden Duellen also faktisch um Halbfinals. Das ist ein Teil des Problems. Kommerziell interessant ist das Endspiel, bei dem die seit 1993 währende Teilung des Titels aus der Welt geschafft wird. An der Austragung ist auch die deutsche Schachhochburg Dortmund interessiert. Dagegen rechtfertigen die Halbfinals schwerlich die von allen Parteien anvisierten jeweils 1 Mill. Dollar Preisgeld.

Auf "unter einer halben Million Dollar" taxiert Bessel Kok deren Wert. Der geschäftsführende Vorstand der tschechischen Telefongesellschaft Eurotel moderierte voriges Jahr in Prag zwischen Kramnik, der Fide und Kasparow. Teil ihrer Einigung war damals auch der Auftrag an Kok, ein Büro zur WM-Vermarktung einzurichten. Doch dazu kam es nicht, "weil die Fide sich nicht mehr gemeldet hat", wie Kok sagt. Aus der Absichtserklärung ist bis heute kein Vertrag geworden. Das eigentliche Problem: Der Schachspitze fehlt professionelles Management. Und es gibt Leute, die daran interessiert sind, dass das so bleibt.

Über 30 Mill. Dollar hat Fide-Präsident Iljumschinow seit 1995 nach eigenen Angaben ins Schach gesteckt. Seine Funktionäre sind damit beschäftigt mitzukassieren. Ein Management, das diesen Namen verdient, würde dabei nur stören. Vorstände lassen sich bei Fide-Wettbewerben Pro-Forma-Aufgaben vergüten. Bewerber klagen, dass einige Veranstaltungen nur gegen Bestechung zu bekommen sind. Was wiederum Ausrichter verführt, sich das Geld von den Spielern wieder zu holen. Dieser Verdacht steckt auch hinter den wütenden Protesten bei der unlängst im türkischen Badeort Silivri zu Ende gegangenen EM, wo jeder Teilnehmer etwa 1 500 Euro aufbringen musste.

Auf der anderen Seite sieht es nicht viel besser aus. So enthielt die ums Überleben ringende Einstein Group Spielern Preisgelder bis zu einem halben Jahr lang vor, um eigene Finanzlöcher zu stopfen. Spielerberater Hensel lässt den Kopf indes nicht hängen. Der noch bestehende Vertrag verbiete ihm zwar, selbst einen Ausrichter für die von ihm betreuten Leko und Kramnik zu suchen. Aber sobald die Einstein Group draußen sei, stünden die Chancen gut, das "Match vor Jahresende unterzubringen".

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