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Die Show geht weiter

Es ist zum aus der Haut fahren. Zu welcher Zeitung, zu welchem Magazin man auch greift, überall wird der Untergang der New Economy beschworen.

Die einen triumphieren (Tenor: "Haben wir doch gleich gewusst, dass das schiefgehen musste"), die anderen sind tapfer bemüht "das Gute" an den dot.coms herauszustellen. "Das Gute", damit ist nach Aussagen vieler (Ex-)Start-up-Stars wohl vor allem die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis gemeint. Warum sonst wimmelt es geradezu von Bekenntnissen zu den eigenen Schwächen, den Defiziten, dem offenbar mangelndem Überblick? Jetzt ist hip wer Bescheidenheit und Demut predigt, in der Krise die Chance erkennt und sich, wenn schon nicht schluchzend, so doch geläutert der Old Economy in die Arme wirft. Wie der verlorene Sohn, der es ohne Papi und dessen Geld und Macht eben doch nicht schafft. Wie schade.

Übersehen wird dabei gerne, dass an der Misere nicht nur die jungen Internet-Pioniere alleine Schuld sind. Denn mitgemacht und mitverdient haben doch alle, die dem Reiz des Internets und des schnellen Geldes nicht widerstehen konnten.



Nicht widerstehen konnten auch die Medien, die maßgeblich dazu beigetragen haben, das sich 20-jährige Start-up-Gründer wie Popstars fühlen durften und wohl auch deshalb den Wert des Unternehmens und die eigenen Fähigkeiten überschätzten.



Während viele Start-ups ums Überleben kämpfen und darum, nicht nur die wirtschaftlichen sondern auch die ideellen Werte und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, sprechen einige Schlagzeilen schon wieder eine völlig überzogene Sprache. Da werden "Überlebende" nach dem "Crash" interviewt, junge Unternehmer gehen gestärkt aus der "dot.com Hölle" hervor (nachdem sie ja den Internet-Himmel zwangsweise verlassen mussten) und kaum ein Adjektiv ist zu abgedroschen, als das es nicht taugen würde, den Weg der New Economy zu kolportieren.



Kaum hat sich der Staub gelegt, werden die, die es nicht in die Pleite getrieben hat, wieder auf die Schultern gehoben und der wartenden Menge präsentiert. Schon werden wieder große Erwartungen an die Unternehmer gestellt, die mit ihren Firmen (noch) am Markt sind. Anstatt ihnen ein bisschen Ruhe zu gönnen und damit den jungen Firmen die Chance auf eine solide, angemessene Entwicklung zu geben, sind sie die neuen Hoffnungsträger, die die New Economy und den Technologie-Markt wieder flott machen sollen.



"The Show must go on" lautet das Motto, denn ohne Stars und Sternchen, Macher und Moneten, ohne den Hype um Neue Märkte gibt es derzeit offenbar auch keine starken Schlagzeilen. Insofern unterscheiden sich manche Produkte der Wirtschaftspresse nur noch graduell vom "Neuen Blatt".



Obwohl - erst gestern sprach mich meine Oma auf die drohende Sportsgate-Pleite an. Auf meine Frage, woher sie denn solche Dinge wisse, antwortete sie wie selbstverständlich: "Aus der "Gala" natürlich."

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
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