Die Siemens-Chiphersteller-Tochter geht in der Tarifpolitik unkonventionelle Wege
Bei Infineon ist die 40-Stunden-Woche Alltag

Hart haben die Gewerkschaften einst um die Einführung der 35-Stunden-Woche gerungen. Doch beim Münchener Chipkonzern Infineon wird wieder 40 Stunden gearbeitet - mit dem Segen der Arbeitnehmer-Vertreter. Zudem will Infineon ein leistungsbezogenes Entlohnungssystem einführen

HB MÜNCHEN. Ganzkörperanzüge aus schneeweißem Papier. Reinst-Räume, in denen die Luft um ein Vielfaches sauberer ist als in Operationssälen. Produkte, die so klein sind, dass die Details mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen sind. Die Produktionsbedingungen in den Fabriken des Chip-Konzerns Infineon sind exotisch. Aber auch die Arbeitszeiten, auf die sich Arbeitnehmer und Unternehmen geeinigt haben, dürften vielen Gewerkschaftern wie von einem anderen Stern vorkommen.

Die Siemens-Tochter Infineon geht nämlich unkonventionelle Wege in der betrieblichen Tarifpolitik. Derzeit kehrt der Konzern offiziell zur 40-Stunden-Woche zurück. Zudem laufen mit den Arbeitnehmervertretern Gespräche auf Hochtouren, um die Entlohnung stärker an der Leistung der Mitarbeiter auszurichten. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen Flächentarifverträge, aber sie müssen modernisiert werden", bringt es Infineon-Personalchef Jürgen Buschmann auf den Punkt. Der gelernte Jurist versucht es auf eigene Faust.



Ergänzungs-Tarifvertrag zum bestehenden Flächentarif

Im Frühjahr 2000 schloss Infineon mit der IG Metall und der DAG einen Ergänzungs-Tarifvertrag zum bestehenden Flächentarif. Darin wurde mit den Gewerkschaften die Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden vereinbart - bei vollem Lohnausgleich. Hintergrund für den ungewöhnlichen Schritt ist der dramatische Mangel an Fachkräften in der Chip-Branche. Nach Angaben von Buschmann sind derzeit allein bei Infineon Hunderte Ingenieursstellen unbesetzt. Gleichzeitig werden zum Aufbau einer neuen Fabrik in Dresden weiter 1 100 hoch qualifizierte Mitarbeiter gesucht. Der Arbeitskräftemangel ist bereits so eklatant, dass es zu Kapazitätsengpässen kommt.

"Die Diskussion war nicht ganz einfach", erinnert sich Buschmann an die Verhandlungen, die sich vier Monate hingezogen hatten. Infineon war als eigenes Tochterunternehmen erst im Frühjahr 1999 aus dem Siemens-Konzern ausgegliedert worden. Damals vereinbarte Infineon eine Art "Probe-Mitgliedschaft" im Arbeitgeberverband Bayern für ein Jahr. Das war das Druckmittel: Denn nach dem Ja-Wort der Gewerkschaften zur Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche willigte Infineon in eine zunächst unbefristete Tarifbindung ein.

Die Ergänzung zum Flächentarif gilt für die über 10 000 Infineon-Beschäftigten in Bayern, insbesondere an den Standorten München und Regensburg. Das Werk Dresden ist nicht tarifgebunden, hier wird ohnehin 40 Stunden gearbeitet. Auch für die über 14 000 Mitarbeiter im Ausland gelten andere Regelungen. Der Ergänzungstarifvertrag läuft unbefristet und ist erstmals nach sechs Jahren kündbar. Dabei ist die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche für jeden Arbeitnehmer freiwillig.

Die Reaktion der Mitarbeiter ist überraschend gut. "Im Moment laufen uns die Leute die Tür ein, um 40- Stunden-Verträge zu bekommen", berichtet Buschmann. Und auch Alfred Eibl, Betriebsrat und Aufsichtsratsmitglied, räumt ein: "Die Resonanz ist mehrheitlich positiv." Nach Schätzungen von Infineon werden bis zu 80 % der Mitarbeiter auf das Angebot einer Verlängerung der Arbeitszeit eingehen. Betriebsrat Eibl gibt aber zu bedenken, dass in manchen Fällen von der Geschäftsführung auch Druck auf Mitarbeiter ausgeübt werde. So seien teilweise Karriereschritte nur bei 40-Stunden-Arbeit möglich.

Gleichzeitig mit dem Ergänzungstarifvertrag verpflichtete die Infineon-Geschäftsführung die Arbeitnehmer-Vertreter zu Verhandlungen für ein neues flexibleres und leistungsbezogenes Vergütungssystem. Die erste Gesprächsrunde ist bereits gelaufen. Infineon schlägt vor, nur noch 80 % des Gehaltes zu garantieren. Der Rest soll in Form einer Ergebnisbeteiligung und einer Leistungskomponente ausbezahlt werden. "Wir wollen kein Einkommens-Dumping. Wir brauchen vielmehr atmende Systeme", meint Buschmann. Eine Reduzierung der Löhne könne sich der Chipkonzern angesichts der Personalknappheit auch gar nicht leisten. Betriebsrat Eibl, selbst IG-Metall-Mitglied, ist nicht grundsätzlich gegen die Pläne, mahnt aber eine sozial verträgliche Regelung an. Erneut wollen die Gewerkschaften dabei versuchen, am "Vorzeigestandort" Dresden die Tarifbindung einzuführen. Die nächste Gesprächsrunde ist für Mitte September angesetzt.



Der Mitarbeiter als Aktionär

Im Herbst 1998 traf Siemens-Chef Heinrich von Pierer eine weit reichende Entscheidung: Der Chip-Bereich des Konzerns sollte ausgegliedert und verkauft werden. Im Frühjahr 1999 wurde der Bereich dann unter dem neuen Namen Infineon Technologies AG ausgegliedert. Im März 2000 erfolgte der zeitgleiche Börsengang in Frankfurt und an die New York Stock Exchange (NYSE). Siemens trennte sich zunächst von 29 % der Anteile. Die Aktie ging deutlich nach oben.

Inzwischen ist der Chipkonzern an der Börse knapp 50 Mrd. EUR wert. Im Sommer schaffte Infineon sogar den Aufstieg in die oberste Börsenliga, nämlich die Aufnahme in den Deutschen Aktienindex (Dax). Den Börsengang nutzte Infineon auch zu einem umfangreichen Aktienprogramm für die Belegschaft. Die damals rund 27 000 Infineon-Mitarbeiter weltweit konnten Infineon-Aktien zu speziellen Vorzugskonditionen zeichnen. Der Erfolg war groß.

Heute sind rund 70 % der Infineon-Mitarbeiter weltweit gleichzeitig Aktionär ihres Unternehmens, in Deutschland liegt die Quote sogar bei rund 80 %. In nur wenigen anderen Großunternehmen in Deutschland dürfte es so viele Belegschaftsaktionäre geben.

Zusätzlich bietet Infineon für leitende Mitarbeiter im In- und Ausland ein Aktien-Options- programm an. Der Siemens - Konzern will, unter Umständen noch in diesem Jahr, weitere Infineon-Anteile abgeben. Ziel ist die vollständige Trennung von der Chipsparte. Bei einem möglichen "zweiten Börsengang" könnte es wieder spezielle Konditionen für Mitarbeiter geben.



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