Die Silicon Valley Kolumne
Merger Endgames in Software?

Seit man weiß, dass Microsoft Appetit auf das deutsche Kronjuwel SAP bekommen und wieder verloren hat, wird die Idee der Merger-getriebenen Konsolidierung der Softwareindustrie auch in Deutschland akzeptiert. Doch Software folgt fundamental anderen Gesetzmäßigkeiten als traditionelle Industrien.

Die Konsolidierungslogik

Man nehme eine Industrie, in der die vier größten Unternehmen deutlich mehr als 100% des Gesamtprofits erwirtschaften, während der Rest größtenteils Verluste schreibt; die in jedem Segment grenzenlose Skaleneffekte aufweist; und die keine geographischen Grenzen kennt. Eine solche Industrie scheint prädestiniert für ein Endspiel aggressiver Mergeraktivitäten.

Nun, Software ist diese Industrie. Microsoft, IBM, Oracle und die SAP erwirtschaften den Gewinn. Zusätzliche ?Kopien? eines Produkts haben vernachlässigbare Grenzkosten. Und alle nennenswerten Unternehmen sind global tätig. Da scheint die atemberaubende M&A Aktivität der letzten Jahres nur folgerichtig: IBM kauft Rational (2,1 Milliarden $), Peoplesoft schluckt J.D.Edwards (1,7 Milliarden $), EMC verleibt sich Legato (1,3 Milliarden $), Documentum (1,7 Milliarden $) und VMWare (635 Millionen $) ein. Daneben gab es unzählige weitere Deals unter einer Milliarde US$. Zudem züngelt Oracle ungeduldig nach Peoplesoft (ca. 8 Milliarden $). Auch die deutschen Unternehmen wurden von dieser Welle erfasst: SUSE ging an Novell, IXOS an Open Text und selbst die traditionell unverkäufliche SAP flirtete mit einem Eingehen in Microsoft (Geschätzter Deal-Wert: deutlich über 50 Milliarden $).

Langzeituntersuchungen haben erwiesen, dass jede Industrie konsolidiert, sogar nach ziemlich einheitlichen Mustern (siehe das Buch: ?Winning the Merger Endgame? von Deans, Kröger und Zeisel, basierend auf einer Langzeitstudie von A.T.Kearney). Und so scheint die Stunde der Softwareindustrie geschlagen zu haben. Software ist anders ?

Man kann sich jedoch leicht davon überzeugen, dass die traditionelle Logik bei Software unvollständig ist:
· Es gab keine Softwareübernahme, bei der die Absicht von Kosteneinsparungen im Zentrum gestanden hätte. Dies steht in scharfem Gegensatz zu traditionellen skalengetriebenen Industrien, auch anderen IT-Segmenten (z.B: HP/Compaq).
· Bei Desktop-Software hat Microsoft seine Konkurrenten Wordperfect, Borland, Corel, Lotus und Software Publishing ohne Akquisitionen verdrängt. Analog verfuhr Oracle mit Ingres, Informix und Sybase. Dass ein paar der Verlierer im Laufe des Prozesses von Dritten akquiriert wurden, war für das Ergebnis irrelevant.

? und führt zu einer eigenen Akquisitionslogik

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man ein paar weitere Eigenschaften von Enterprise Software hervorheben:
· Die größten Kosten und Mühen beim Kunden werden durch Integration der Software verursacht.
· Software ist trotz aller Innovationen langlebig. In vielen Unternehmen ist noch sehr alte Legacy-Software im Einsatz, welche heute unverkäuflich wäre. Migrationen auf neue Software erfordern einen enormen Integrationsaufwand, der bei oft schlecht dokumentierten individuellen Anpassungen prohibitiv hoch sein kann.
· Daneben ist Software aber auch schwer zu schützen, insbesondere kaum zu patentieren. Und sie ist letztlich schwer zu beurteilen ohne im Echteinsatz bei Kunden zu sein.

Als Konsequenz ist der Kauf von Marktanteilen mit der Idee der schnellen Migration auf Eigenprodukte bei Software kaum realisierbar. Attraktive Akquisitionen zeichnen sich dadurch aus, dass die Zielunternehmen in ihrem Segment wettbewerbsfähig sind und das eigenen Produktspektrum funktional arrondieren. Der Mehrwert für den Kunden wird durch verbesserte Integration geschaffen. Gleichzeitig müssen die Zielunternehmen den Kundenwert der Software jedoch selbst schon demonstriert haben. Reine Entwicklungsbuden, wie etwa bei BioTech, werden in Software nicht akquiriert.

Der Markt bestätigt dies - und die Dynamik bleibt bestehen

Somit konsolidieren einzelne Segmente zwar unweigerlich, Akquisitionen spielen hierbei jedoch eine untergeordnete Rolle. Hingegen werden Spezialisten aggressiv von Plattformanbietern geschluckt. Bis zu einem Punkt, wo die Integration des neuen Spielers in die Plattform zu anstrengend wird.

Microsoft hat daher kürzlich eine Kehrtwende vollzogen und angekündigt, über die nächsten Jahre 75 (!) Milliarden US$ an seine Aktionäre zurückzuzahlen. Für diese schlappe Summe hätte das Unternehmen bei Bedarf so ziemlich alles am Softwaremarkt akquirieren können. An anderer Stelle gewinnt eine SAP in den USA fleißig Marktanteile auf Kosten von Oracle und Peoplesoft. Offenbar konsolidieren die heutigen Segmente der Softwareindustrie anders, als es sich einige Akquisiteure vorgestellt haben.

Traditionell hat die Konsolidierung innerhalb der Segmente der Dynamik der Softwareindustrie keinen Abbruch getan. Sie fragmentierte an anderer Stelle wieder durch innovations-getriebenes Aufkommen neuer Segmente. Larry Ellison hat diese Innovationen in einer berühmt-berüchtigten Bemerkung letztes Jahr für nicht mehr geschäftsrelevant erklärt. Vielleicht hat er aber auch nur zu eng gedacht und die Erfolgsbeispiele vor seiner Haustür übersehen, welche auch das Geschäftsmodell verändert haben: Yahoo, eBay, Google (und zu einem gewissen Grad auch Amazon) sind als Software-basierte Unternehmen gestartet, welche diese jedoch nicht verkauften, sondern zur Basis eines eigenen Dienstes machten.

Insgesamt scheint man ungeachtet aller Mergeraktivitäten kaum fürchten zu müssen, dass die Softwareindustrie in wenigen Jahren wie Glühbirnen oder Stahl enden könnte.

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