Die SPD nach dem Debakel von Sachsen-Anhalt
Kommentar: Jetzt sucht Schröder sein Heil in der eigenen Stärke

Schwer wie Blei liegt das Parteiprodukt SPD in den Regalen des politischen Supermarkts. Nachdem schon die Kunden im deutschen Armenhaus achtlos an der viel gepriesenen Ware vorbeigegangen sind, besteht nun die Gefahr, dass am 22. September auch der Rest der Republik das Angebot mit der roten Schleife verschmäht.

Der regionale Vertriebsleiter Reinhard Höppner hat versagt. Jetzt muss der Chef persönlich ran, bevor die SPD auch bundesweit zum Ladenhüter wird. Gerhard Schröder sucht sein Heil in der eigenen Stärke und kündigt deshalb einen reinen Personen-Wahlkampf an. Die Partei als schwer verkäufliche Ware ist nicht mehr wichtig - auf den Kanzler kommt es an. Diese Strategie ist nicht unbedingt neu, aber aus SPD-Sicht konsequent. Seit Monaten zeigen die Umfragewerte nämlich einen bemerkenswerten Zwiespalt: Nach Parteienpräferenz liegt die SPD hinter der Union, auch wenn der Abstand in den letzten Wochen stetig kleiner geworden ist. Im direkten Vergleich zu seinem Herausforderer Edmund Stoiber aber hat Schröder klar die Nase vorn - er ist allen Pannen zum Trotz immer noch deutlich beliebter.

Auf diesen Popularitätsvorsprung des Medientalents Schröder richten sich nun alle Hoffnungen der gebeutelten SPD. Ähnlich wie in den USA werden deshalb im kommenden Bundestagswahlkampf Sachfragen, Parteien und Programme in den Hintergrund rücken. Entsprechend inhaltsarm und glatt geschliffen fallen bereits die Zielbeschreibungen der politischen Wettbewerber aus. Entscheidende Bedeutung wächst den Auftritten der Spitzenleute und deren Fernsehpräsenz zu. Aus diesem Grunde machte die SPD gestern im Streit um das geplante TV-Duell der beiden Kandidaten auch deutliche Zugeständnisse an die Union. Egal ob sitzend, stehend oder liegend - Schröder braucht den publikumswirksamen Showdown vor den Kameras, weil er sich im Fernsehstudio Vorteile gegenüber seinem sperrigen Konkurrenten ausrechnet. Selbst wenn TV-Duelle eine Bundestagswahl (noch) nicht entscheiden, so ist dieses Novum im politischen Wettstreit doch viel zu wichtig, als dass der mutmaßliche Nutznießer Schröder seinem Gegner Stoiber einen Vorwand für eine Absage liefern würde.

"Wollt ihr Schröder oder Stoiber?"

Ob sich diese Zuspitzung auf zwei Personen für die SPD auszahlt, hängt von der Genügsamkeit der Bürger ab. Die bloße Frage "Wollt ihr Schröder oder Stoiber?" könnte als Ultimatum missverstanden werden und den wachsenden Anteil der politikverdrossenen Nichtwähler in die Höhe treiben.

Zwar hat der überraschende Erfolg der FDP gezeigt, dass sinnfreie Selbstbeschwörung sowie ein inhaltsleerer Gute-Laune-Wahlkampf voll im Trend liegen und den Geschmack der jüngeren Generation treffen. Es gibt aber besonders unter den vielen älteren Wählern immer noch genug Menschen, für die ein Name alleine nicht schon das ganze Programm ist. Die Frage, was denn die Herren auf den hell ausgeleuchteten Bühnen konkret zu tun gedenken, muss wohl noch erlaubt sein.

Nicht zuletzt hat das Debakel von Sachsen-Anhalt für die SPD auch eine Halbierung ihrer parteipolitischen Optionen zur Folge. Die fortschreitende Agonie der Grünen rückt eine Neuauflage des rot-grünen Bündnisses auf Bundesebene in weite Ferne. Vor allem aber sind durch das spektakuläre Ende des "Magdeburger Modells" alle Hoffnungen der politischen Linken zerstört worden, die SPD könne die PDS als strategischen Reservepartner an ihrer Brust nähren, ohne von den SED-Nachfolgern ausgesaugt zu werden.

Viel Zeit bleibt Gerhard Schröder nicht mehr, um den Trend noch umzukehren. Ein Blick auf den Kalender verheißt nichts Gutes für die nächsten Wochen. Der erhoffte Aufschwung der Weltwirtschaft kommt in Deutschland nach dem Urteil der Wirtschaftsweisen nur sehr gedämpft an. In der Metallbranche droht ein konjunkturgefährdender Arbeitskampf, und Terroranschläge wie zuletzt in Tunesien drücken ebenfalls auf die allgemeine Stimmung. Unberechenbar sind auch die Krise im Nahen Osten, die Risiken der weltweiten Bundeswehreinsätze oder die bedenkliche Entwicklung des Ölpreises. Wenn bis zum Juni keine deutliche Stimmungsaufhellung eintritt und die Menschen mit dem Eindruck in Urlaub fahren, die Dinge in Deutschland stehen nicht zum Besten, könnte es am Ende der Ferienzeit in der Schlussphase des Wahlkampfs eng werden für Gerhard Schröder.

Natürlich kann auch der Herausforderer auf diesem langen und schwer einschätzbaren Weg noch viele Fehler machen. Die Demoskopen beobachten zudem, dass sich die wachsende Gruppe der Wechselwähler erst in den letzten beiden Wochen auf einen Kandidaten festlegt. Entschieden wurde durch die Sachsen-Anhalt-Wahl noch nichts. Das Selbstvertrauen der SPD und ihres Kanzlers aber hat einen argen Dämpfer erhalten. Es bleibt spannend.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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