Die Stimme aus Frankfurt
Kommentar: Unbemerkte Hausse

Trübsal hier - Jubelstimmung dort. Anleger reiben sich verwundert die Augen. Die Kette der Katastrophenmeldungen aus der wirklichen Wirtschaft will nicht abreißen - die Finanzmärkte wollen jedoch von alledem nichts mehr wissen. Sie künden bereits vom kommenden Konjunkturaufschwung.

Immer neue Krisenmeldungen über Firmenpleiten, Werksschließungen, Massenentlassungen, Gewinneinbrüche und Verlustmeldungen zeugen von der desolaten Stimmung in der Weltwirtschaft. Zudem drückt der weltweite Kampf gegen den internationalen Terrorismus auf die Gemütslage. Tag für Tag zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. So werden Investitions- und Konsumentscheidungen zurückgestellt. Kein gutes Umfeld, um Anlegern Aktien schmackhaft zu machen, sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Der Status quo der Weltwirtschaft zählt für die Börse längst nicht mehr.

Man stelle sich vor, die Aktienbörsen befinden sich inmitten einer neuen Haussephase - und kaum jemand bemerkt es so richtig. Angesichts des depressiven weltwirtschaftlichen Szenarios ist exakt dies geschehen. Denn an zahlreichen privaten und institutionellen Anlegern, die weiter die Wunden der Baisse-Vergangenheit lecken, ist der erste Schub an den Märkten vorbeigegangen. Fast unbemerkt schossen repräsentative Aktienindizes führender Börsen bereits um beinahe 50 % von ihren Tiefs im September nach oben.

Doch nicht nur das: Während die Märkte noch immer darüber diskutieren, ob die Notenbanken vor dem Hintergrund des rezessiven konjunkturellen Umfeldes im neuen Jahr über Spielraum für weitere Leitzinssenkungen verfügen, sind die Kapitalmarktrenditen in den vergangenen Wochen sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks überdurchschnittlich stark gestiegen. Wegen des vor allem in der US-Finanzwelt deutlich zunehmenden Konjunkturoptimismus wurde die Rendite 10jähriger US-Staatsanleihen in nur sechs Wochen vom 26-Jahrestief bei 4,19 % zum Beginn dieser Woche in der Spitze bis auf 5,40 % katapultiert.

Für die Aktienbörsen und die Anleihenmärkte steht ganz offensichtlich fest: Die Weltwirtschaft wird im kommenden Jahr einen nachhaltigen Aufschwung erleben. Ökonomen, Wirtschaftsforscher, Notenbanker und Unternehmens-Manager bezweifeln zwar noch die Prognose-Fähigkeit der Börsen. Einzelne positive Konjunkturdaten künden jedoch bereits von der Konjunkturwende.

Transatlantische Unterschiede in der Krisenbewältigung ändern daran kaum etwas. Dem aggressiven Fiskal- und geldpolitischen Risikomanagement der USA steht eine eher bedächtige Krisenbewältigung in Europa gegenüber. Weder Europas Politiker, noch die Europäische Zentralbank sind bereit, von ihrer Politik der ruhigen Hand abzulassen. Welche Politik längerfristig mehr Erfolg zeigt, ist abzuwarten.

Heute vermitteln die aktuellen Konjunkturdaten jedenfalls den Eindruck, als würden die USA in der Weltwirtschaft wieder einmal die Rolle der Konjunkturlokomotive übernehmen. Und in Europa wird in einigen Jahren möglicherweise die Erkenntnis reifen, die riesige Chance verpasst zu haben, sich heute in der Welt mehr Gewicht, Einfluss und Ansehen zu verschaffen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%