DIE STIMME AUS FRANKFURT
Kommentar: Vorsichtig auswählen

Das ausklingende Jahr hat manchen Aktionär viel Geld gekostet. Wer Anfang 2000 auf europäische Aktien setzte, hat bis heute im Durchschnitt rund 6 % seines Kapitals verloren. Wer dagegen Anleihen aus Europa bevorzugte, verdiente rund 8 %. Hauptschuld am Minusgeschäft 2000 tragen die so genannten Wachstumsaktien der Sparten Technologie-Medien-Telekom (TMT). Gestandene TMT-Titel aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) wie SAP oder Infineon brachen 30 % und 50 % ein. Dramen spielten sich am Neuen Markt ab: Das Börsenkapital der meisten Wachstumstitel schmolz wie Schnee in der Sonne. Der Nemax büßte seit Jahresbeginn fast die Hälfte an Wert ein.

Dem vorausgegangen war allerdings ein regelrechter Kaufrausch derer, die an die unendliche Wachstumsgeschichte der TMTs glaubten. Dabei - resümieren Aktienexperten heute - zeigt ein Blick in die Geschichte gesellschaftsbewegender Trends wie die Erfindung der Eisenbahn, dass auf einen kometenhaften Kursanstieg neuer Aktien aus Boom-Branchen typischerweise ein Fall folgt. Viele der Titel haben sich nie mehr erholt - was nun manchem Internet-Wert prophezeit wird.

Geblendet vom Aktienrausch der neunziger Jahre, übersehen Optimisten, dass schwache Jahre keine Ausnahme sind. So verbuchte der Dax in der eher positiven Börsenphase seit 1980 fünf Verlustjahre.

Was können Anleger nun von 2001 erwarten? Analysten rechnen meist - nach einem schwankungsstarken Frühling - mit einem moderaten bis guten Aktienjahr in Europa: Belastungen aus 2000 wie der hohe Ölpreis, der die Inflation anhob und das Wachstum dämpfte, drücken kaum mehr. Eine steigende Firmen-Produktivität, eine Entlastung durch Steuerreformen sowie der kletternde Euro-Kurs helfen Europas Aktienkursen.

Kernfrage bleibt, wie stark das US-Wachstum nachlässt - und wieder anzieht. Die Rezessionsangst schwächt sich offenbar leicht ab, ab Sommer soll die Konjunktur wieder aufleben - was erneut mehr Kapital in die USA lenkte.

Auch eine Kursrally bei Anleihen à la 2000 ist unter diesen Annahmen unwahrscheinlich. Die meisten Bankanalysten erwarten bis Ende 2001 nur noch leicht steigende Kurse bei den marktbestimmenden Staatsbonds. Gleichwohl können Anleger billige Zinspapiere unter Pfandbriefen und Unternehmensbonds finden. Gerade Firmenanleihen, die im vergangenen Jahr unter den massiven Telekomemissionen und der Aktienschwäche litten, sprechen Analysten Potenzial zu. Allerdings gilt das nicht für alle Titel: Gegenüber den bereits stark verschuldeten Telekom-Firmen herrscht allgemeine Skepsis, einzelne Bonds wie von Vodafone bilden die Ausnahme. Ratings werden stärker zur Orientierung herangezogen, manche Herauf- oder Herabstufung erschüttert daher den Markt.

Bond- wie Aktienkäufern bleibt also nichts anderes übrig als den Markt genauer zu beobachten und vorsichtig(er) auszuwählen. Anke Rezmer ist Finanzmarkt-Korrespondentin des Handelsblatts in der Redaktion Frankfurt am Main.

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