DIE STIMME AUS NEW YORK
Verhaltener Optimismus für die US-Wirtschaft

Allen Unkenrufen zum Trotz befindet sich die US-Wirtschaft weiterhin im Aufschwung.

NEW YORK. Dass sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten verlangsamen wird, ist unbestritten. Gleichwohl sind sich Investoren, Analysten und Politstrategen einig, dass die Konjunktur-Verlangsamung jetzt schon eingesetzt hat. Aber solch ein Abschwung muss sich ja nicht zwangsläufig negativ auswirken. In der Tat befürchteten Investoren noch zu Beginn des Jahres, dass eine Abschwächung des Wachstums nicht rechtzeitig eintreten würde, um die Inflation zu bremsen. Klar ist allerdings auch, dass die Investoren ihre Erwartungen im Hinblick auf die Gewinnaussichten zu hoch geschraubt hatten. So haben die neuesten Erkenntnisse über eine Konjunkturabschwächung dazu geführt, die Gewinnprognosen nach unten zu korrigieren.

Dieser erst kürzlich aufgetretene Pessimismus überrascht nicht. Man geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum von immerhin beachtlichen 6 % in der ersten Jahreshälfte 2000 - gemessen am Jahresdurchschnitt - bis zur Mitte des folgenden Jahres auf 3,5 % sinken wird. Diese deutliche Wachstumsverlangsamung ist für die Unternehmen nicht nur enttäuschend, sondern auch unbequem. Dennoch passen sich die Marktpreise derzeit behutsam an die geringeren Gewinnerwartungen an, ohne sich bisher ruckartig auf die Preise von Vermögensanlagen auszuwirken. Um wirklich unheilvolle Marktbewegungen auszulösen, wären schon unerwartet schlechte Nachrichten nötig.

In der Tat besteht laut einiger führender Analysten die große Gefahr, dass im ersten Halbjahr 2001 die Produktion in den USA deutlich schrumpfen könnte. Sie räumen allerdings ein, dass sich diese pessimistische Vorhersage maßgeblich darauf stützt, dass die US-Wirtschaft von äußeren Einwirkungen heimgesucht wird. Dazu könnten beispielsweise ein erneuter Ölpreis-Schock oder ein plötzlicher Verfall des Außenwertes der US-Währung gehören. Dessen ungeachtet profitierte der Dollar von der verstärkten Risikowahrnehmung der Investoren. Vielleicht auch deswegen, weil sie vermuten, dass eine harte Landung der US-Wirtschaft den führenden ausländischen Volkswirtschaften eher schaden als nützen würde. Folglich liegt das weitaus größte Risiko für die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten - wie auch für die Finanzmärkte - in einem neuen Preis-Schock am Ölmarkt.

Angesichts des gegenwärtigen Ungleichgewichts von Angebot und Nachfrage bei Rohöl rechnen wir aber nicht mit einem neuen Ölpreis-Schock. Vielmehr geht man allgemein davon aus, dass sich der Ölpreis unter den gegenwärtigen Marktbedingungen im Verlauf des kommenden Jahres von derzeit 35 US-Dollar pro Barrel auf 25 Dollar einpendeln wird.

John Lipsky ist Chefvolkswirt bei der Chase Manhattan Bank mit Sitz in New York.

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