DIE STIMME AUS PARIS
Kommentar: Dollar ohne Schwäche

Das Leistungsbilanzdefizit der USA wächst und wächst: 320 Milliarden Dollar im Jahr 1999, vermutlich 400 Milliarden im Jahr 2000. Daraus schließt man bei oberflächlicher Analyse, dass eine Dollarabwertung bevorsteht. Denn bei einem Wachstum des Welteinkommens von 7 bis 8 % pro Jahr lässt sich die Netto-Auslandsverschuldung der USA, die jährlich um 20 % zunimmt und Ende 2000 die Marke von 2000 Milliarden Dollar übersteigen wird, auf Dauer nicht finanzieren.

Und doch zeigt der Dollar kein Zeichen von Schwäche. Die amerikanischen Zinsen sind kaum höher als die europäischen, die zehnjährige US-Rendite liegt bei 5,55 %. Warum macht sich das Außenhandelsdefizit der USA nicht in den Wechselkursen bemerkbar? Zwei Erklärungen erscheinen plausibel:

Erstens besteht das hohe Außenhandelsdefizit der USA zum Teil gegenüber Ländern, die ihre Ersparnisse in Dollar halten. Dazu gehören die lateinamerikanischen Staaten, Mexiko, die asiatischen Tiger-Staaten, China und die Opec-Länder. Ein Außenhandelsdefizit oder eine Auslandsverschuldung führt aber nur dann zu einer Abschwächung der Landeswährung, wenn die Handelspartner die entsprechenden Überschüsse in die eigene Währung wechseln. Europa und Japan beispielsweise wechseln ihre Handelsüberschüsse gegenüber den USA regelmäßig in Euro bzw. Yen und bringen damit den Dollar unter Druck. Ein Defizit der USA gegenüber Ländern, die ihr Erspartes in Dollar halten oder die zum Dollar-Raum gehören, ist dagegen für den Dollar genauso unproblematisch wie für die D-Mark ein Handelsdefizit Sachsens gegenüber dem übrigen Deutschland.

Zweitens wird das amerikanische Leistungsbilanzdefizit nicht über kurzfristige Bankeinlagen finanziert. Entscheidend sind vielmehr die langfristigen Kapitalströme, die spontan in die USA fließen. Gemeint sind die Gelder ausländischer Unternehmen, die in den USA Übernahmen tätigen, und die Gelder institutioneller Anleger, die amerikanische Aktien oder Unternehmensanleihen kaufen. Was dieses Kapital anzieht, ist die hohe Kapitalrentabilität in den USA oder, mit anderen Worten, das starke Wirtschaftswachstum. Solche Kapitalflüsse sind keine bloßen Folgen des Leistungsbilanzdefizits, sondern entsprechen dem natürlichen Verhalten von Unternehmen und Anlegern außerhalb der USA. Solange diese Kapitalströme anhalten, lässt sich das hohe Außenhandelsdefizit der USA auch weiterhin finanzieren, ohne Dollarschwäche und ohne Zinsanstieg. Patrick Artus ist Chefvolkswirt von CDC Marchés und der Groupe Caisse des Dépôts et Consignations mit Sitz in Paris.

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