DIE STIMME AUS PARIS
Kommentar: Japans Finanzkrise tut gut

Japans Wirtschafts- und Finanzmisere ist aller Voraussicht noch nicht vorbei. Von Seiten der Finanzpolitik kommt nur wenig Überzeugendes, und die Rückkehr zur Null-Zinspolitik wird ebenfalls kaum Erleichterung verschaffen. Die Börsenbaisse schwächt Banken und andere Finanzdienstleister, und sie trägt zu einem weiteren Rückgang der Kreditvergabe bei. Die Baisse drückt auf das Vertrauen der Verbraucher, die ihr Vermögen und ihre zukünftige Rente dahinschrumpfen sehen und ihre Nachfrage weiter einschränken. Beide Faktoren verschlechtern das Investitionsklima in Japan. Doch unzureichende Investitionen verringern das Wachstumspotenzial der Wirtschaft und verdüstern die Aussichten auf eine Trendwende. So nährt sich die Krise selbst - ein Teufelskreis.

Manchen Analysten machen die Stagnation der japanischen Wirtschaft und der Absturz des Nikkei Angst. Sie fürchten, dass die Japaner irgendwann ihre Auslandsguthaben verkaufen und damit eine weltweite Finanzkrise auslösen. Doch gerade das Gegenteil ist der Fall: Japans Krise hilft den Märkten der übrigen Welt.

Japans Wachstumsschwäche hängt bekanntlich eng mit dem hohen Sparaufkommen und dem niedrigen Konsum der Japaner zusammen. Angesichts der derzeitigen Verschlechterung der Wachstumsperspektiven ist die nächste Runde des Teufelskreises absehbar. Eine weitere Abschwächung der Konjunktur würde zu einem Rückgang der Investitionen und zu einem noch höheren Sparaufkommen führen. Noch mehr japanisches Anlagegeld flösse ins Ausland, der Leistungsbilanzüberschuss Japans stiege weiter. Und da die Anleger auf Grund der niedrigen einheimischen Zinsen keine hohen Renditen erwarten, würden ihre zusätzlichen, im Ausland angelegten Ersparnisse weltweit die Kosten des Kapitals weiter senken. Die Folge wäre eine Stärkung der internationalen Wirtschaft und der Finanzmärkte.

Hinzu kommt, dass sich die japanischen Anleger auf Grund der derzeitigen Unsicherheit und der schlechten Erfahrungen der letzten Dekade von der Börse abwenden und ihre Guthaben verstärkt in weniger riskanten Anlageformen wie zum Beispiel Staatsanleihen anlegen. Damit bleiben die langfristigen Zinsen in Japan niedrig - trotz des hohen Haushaltsdefizits. Dieses niedrige Zinsniveau in Japan wirkt sich wiederum positiv auf das langfristige Zinsniveau in den USA und Europa aus. Insbesondere der US-amerikanische und der europäische Staatsanleihemarkt gelten bei institutionellen japanischen Anlegern als erste Wahl. Ein Teil des niedrigen japanischen Zinsniveaus schwappt auf diese Weise über in die internationalen Finanzmärkte über und hat damit eine ähnliche Wirkung wie der Rückkauf von amerikanischen Staatsanleihen durch das US-Schatzamt.

Ein Wirtschaftsaufschwung in Japan, so unwahrscheinlich er im Moment ist, würde dagegen weltweit zu einem Anstieg der langfristigen Zinsen und zu höheren Kapitalkosten führen und damit die Aktienmärkte in Europa und in den USA belasten. Auch wenn es sonderbar erscheint: Ein Tauchgang des Nikkei bedeutet Unterstützung für die Börsen außerhalb Japans.

Patrick Artus ist Chefvolkswirt und Leiter des Researchs von CDC IXIS mit Sitz in Paris.

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