DIE STIMME AUS STUTTGART
Langer Atem lohnt

Es gibt zwei Möglichkeiten, an der Börse Erfolg zu haben. Man läuft der jeweils aktuellsten Mode nach und vertraut darauf, dass die anderen Marktteilnehmer dümmer sind. Das verspricht die schnelle Mark, aber die Letzten bleiben die Dummen. Oder man investiert da, wo mittelfristig tatsächlich Unternehmenswerte geschaffen werden. Dies setzt zwar Denken und Geduld voraus, ist aber kein Nullsummenspiel.

Offensichtlich dominiert an den Märkten immer mehr die erste Gruppe der Momentum-Player. Eine Fülle von Faktoren verstärkt das Herdenverhalten. Bei privaten Anlegern führen exorbitante Anfangsgewinne zu maßloser Selbstüberschätzung. Die auf den Börsenzug aufgesprungenen Medien stellen parallel die gleichen Themen heraus. Alle kaufen zeitgleich die gleichen Fondstypen, weil deren Story gerade "in" ist. Je enger die entsprechenden Märkte sind, desto höher ist der Erfolg dieser sich selbst erfüllenden Prognose.

Die so genannten Profis orientieren sich strikt an den bekannten Indizes als Benchmark. Schließlich ist der Wettbewerb hart, und das Mitlaufen in der Herde bietet Sicherheit. Diese Form der Benchmarkorientierung trägt aber bekanntlich dann zur Entstehung von Bubbles (Blasen) bei, wenn die Indexgewichtung größer als der Free-Float einer Aktie ist. Die künstliche Verknappung lässt den Kurs und die Indexgewichtung wie bei einem perpetuum mobile immer weiter ansteigen - bis die Blase platzt und das Spiel in einer Abwärtsspirale endet. Auch die bei Institutionellen immer beliebteren Sicherungsfonds, die unabhängig von fundamentalen Überlegungen mittels Index-Futures ihren Investitionsgrad parallel zur Performance erhöhen bzw. senken, verstärken vorhandene Trends und erhöhen die Volatilität.

Schließlich: Gibt es eine größere Form der Irrationalität als den Versuch, offensichtlich irrationale Übertreibungen des Marktes mit völlig neuen Bewertungsansätzen pseudo-rational in den Griff bekommen zu wollen?

Nach dem Crash der Technologie-, Medien- und Telekomaktien und der krisenhaften Ernüchterung am Neuen Markt entpuppten sich die klassischen Defensivwerte der Branchen Pharma, Konsum und Versorger als heimliche Outperformer. Deren Bewertung befindet sich aber inzwischen auf rekordverdächtigem Niveau. Da jedoch immer stärker die Kurse die Meinungen und nicht die Meinungen die Kurse bilden, sind es genau diese Branchen, die gegenwärtig überall empfohlen werden. Aber auch hier gilt: Die ökonomischen Gesetze werden Wege finden, um sich gegen vorherrschende Illusionen durchzusetzen.

Peter Merk ist Chefanalyst der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart.

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