Die Stimme aus Tokio
Katerstimmung in Japan

Nachdem König Fußball nun nicht mehr in Japan regiert, können sich Investoren und Analysten wieder mit ganzer Kraft dem schnöden Marktalltag widmen. Während der Weltmeisterschaft hat der Nikkei 225-Index rund zehn Prozent an Wert verloren, etwa ebensoviel wie der Deutsche Aktienindex, aber nicht ganz soviel wie der Nasdaq.

Alleine in Japan wurde in dieser Zeit ein Buchvermögen von umgerechnet rund 250 Milliarden Euro vernichtet. Investoren wurden vom Ausmaß des Kursverfalls überrascht. Und für die mittelfristige technische Marktverfassung erwiesen sich die Folgen als verheerend. Wichtige Widerstandslinien wurden mühelos durchbrochen. Aus einer klar überverkauften Situation war es dem Nikkei zwar vergönnt, die optisch markante Marke bei 10 000 zu verteidigen, doch bleibt es fraglich, ob diese zu halten sein wird. Nach einer Erholung des Nikkei am Dienstag, der den Index sogar noch knapp ins Plus katapultieren konnte, darf zunächst auf eine kleine Zwischenerholung gehofft werden. Diese sollte aber nicht den Blick auf die noch lauernden Gefahren vernebeln.

Schließlich kann sich Japan nicht ganz den von den USA ausgehenden Gefahren entziehen. Im ersten Halbjahr 2002 gelang die Abkopplung. Immerhin blieben die bekannten Indizes fast auf dem Stand des Ultimos 2001, statt wie in anderen großen Märkten markante Verluste zu verzeichnen. Die Phase der Outperformance dürfte nun aber zum Stillstand kommen. Wenn selbst so überraschend gute Nachrichten wie der am Montag veröffentlichte Tankan-Bericht der Bank of Japan für keine nachhaltig positive Reaktion sorgen kann, wird die labile Situation klar. Immerhin hatte der Indikator, der die Lage großer Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes abbildet, einen Sprung von-38 auf-18 statt der erwarteten-27 gemacht. Damit verharrt er zwar noch immer im Minus, aber die Tendenz ist es, die hier ausschlaggebend ist. Im Dienstleistungsbereich sowie bei den kleineren Unternehmen - dem Rückgrat der japanischen Wirtschaft - ist die Verbesserung der Einschätzung weniger markant. Die Frage, die sich Investoren im häufiger stellen, ist, wie lange der exportgetriebene Aufschwung anhalten und wann er sich in einer höheren heimischen Nachfrage bemerkbar machen wird.

Im Spiel zwischen langfristig positiven Entwicklungen und kurzfristigen Marktrisiken steht es derzeit unentschieden. Jetzt herrscht erst einmal Katerstimmung, nachdem die Erholung seit Mitte Februar - wie schon in den vergangenen beiden Jahren - bereits im Frühsommer auslief.

HÅKAN HEDSTRÖM leitet das Investment-Management der Commerzbank in Tokio.

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