DIE STIMME AUS TOKIO
Kommentar: Japans langer Marsch

J e mehr in Japan eine Rezession droht, desto lauter werden die Rufe nach politischen Gegenmaßnahmen. Am 24. April wird der japanische Premier gewählt, und alle vier Kandidaten gehen derzeit mit dem Versprechen einer aktiveren Regierungspolitik auf Stimmenfang. Positiv zu werten ist die Tatsache, dass sich die Kandidaten mit konkreten Wahlversprechen sehr zurückhalten. Immerhin musste Japans Finanzminister Miyazawa kürzlich im Parlament zugeben, dass der japanische Staat fast bankrott ist.

Nachdem in den vergangenen zehn Jahren mittels der Ausgabenpolitik öffentliche Projekte in großem Umfang finanziert worden sind, liegt die Verschuldung der öffentlichen Hand gegenwärtig bei 130 % des Bruttoinlandsprodukts. Jeder vierte Yen, den der Staat ausgibt, wird für Zinszahlungen aufgewendet. Die Botschaft ist eindeutig: Japan kann sich keinen Nachtragshaushalt mehr leisten. Da die Möglichkeiten der Haushaltspolitik nunmehr erschöpft sind, gibt es viele Stimmen, die meinen, dass die Hebel der Geldpolitik aggressiver eingesetzt werden müssten. In der Tat hat die Bank of Japan mit ihrer Rückkehr zur Nullzinspolitik klar signalisiert, dass sie bereit ist, das ihre zu tun, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Geld zu drucken ist in diesem Fall kein Allheilmittel. Es ist eine notwendige, aber keinesfalls ausreichende Maßnahme, um eine Konjunkturerholung einzuleiten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es nicht zuletzt die Summe aller Einzelunternehmen ist, die das gesamtwirtschaftliche Geschehen eines Landes bestimmt und diesem dauerhaften Wohlstand beschert. Die Frage ist also nicht, ob die Bank of Japan die Zügel der Geldpolitik lockert, sondern ob es den Unternehmenslenkern gelingt, Zukunftsstrategien zu entwickeln, welche die Effizienz der Unternehmen steigern und für deren Anteilseigner Renditen abwerfen. Erst dann wird es der Japan AG gelingen, einen Aufschwung einzuläuten. Es sind also ausschließlich mikroökonomische Initiativen, welche eine nachhaltige Konjunkturerholung ermöglichen können.

Ein positives Signal ist die Tatsache, dass die charakteristische Selbstzufriedenheit japanischer Unternehmen nun endlich vorbei zu sein scheint. Sowohl die diesjährige Rezession wie auch der aus der Not geborene "Laissez faire"-Ansatz der Politik werden eine neue Runde von Umstrukturierungsmaßnahmen einläuten. Erste Veränderungen wurden bereits durch Reformen eingeleitet. Dazu zählen vor allem die neuen Bilanzierungsgrundsätze, darunter international vergleichbare Konsolidierungsregeln und das neue Geschäftsausgliederungsgesetz. Dieses ermöglicht es den Unternehmen erstmals, Unternehmensteile zu verkaufen. Ganze Industrien werden sich neu ausrichten. Dies zeigt eine in dieser Woche angekündigte Großfusion in der Stahlbranche. Alles in allem sind wir optimistisch, dass sich die Rezession - im Sinne eines Katalysators - als wahrer Segen für die Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft herausstellen wird. Japans langer Marsch zu neuem Wohlstand hat bereits begonnen.

Jesper Koll ist Chefvolkswirt für Japan bei der Investmentbank Merrill Lynch in Tokio.

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