Archiv
Die Stunde der Wahrheit

Anfang Oktober legt die EU-Kommission den Bericht zur Beitrittsfähigkeit der Türkei vor.

Was ist Europa? Der bevorstehende EU-Bericht zur Beitrittsfähigkeit der Türkei gibt dieser Frage neuen Zündstoff. Ein politisches Projekt? Ein geographischer (T)raum? Ein transnationaler Mythos? Ein Vexierbild, in dem jeder sieht, was er sehen möchte? Immerhin: Alte Feinde stehen zusammen. Doch es bleibt die Entfremdung zwischen den Regierenden, die die Europäische Union vorantreiben, und den Bürgern, deren Skepsis wächst. Lässt sich eine Gemeinschaft mit 25 Staaten regieren? Demnächst wächst die Zahl weiter. 2007 sollen Rumänien und Bulgarien beitreten. Und am 6. Oktober legt die EU-Kommission ihren Bericht zur Türkei vor. Fällt er positiv aus, wird Brüssel Beitrittsgespräche aufnehmen. Dann könnte auch Ankara in zehn, zwölf Jahren in der EU ein Wörtchen mitreden. Sprengt das den Rahmen der Union?

Mehrere in diesem Sommer erschienene Bücher suchen nach Antworten. Im Kern kreist die Debatte um zwei Punkte. Sind die Türkei als islamischer Staat und Europa mit seinem christlichen Hintergrund kulturell derart verschieden, dass ein Zusammengehen nimmer funktionieren könnte? Und: Gibt es eine kritische Größe der EU, in deren Folge die Union unregierbar wird? Die Gegner eines Beitritts beantworten beide Fragen mit Ja. Dem Historiker Heinrich August Winkler zufolge führte ein Türkeibeitritt zur räumlichen Überdehnung der Union: "Eine Vertiefung des Einigungsprozesses wäre unter solchen Umständen ausgeschlossen." Sein Zunftkollege Hans-Ulrich Wehler sieht gar den "Todesstoß" für die EU nahen.

Die Beiträge der renommierten Historiker finden sich in einem Sammelband, den der Politikwissenschaftler Claus Leggewie herausgegeben hat. Weil die Debatte ein enormes "Potenzial an Gefühlspolitik" besitzt, lässt Leggewie neben den Gegnern zahlreiche Befürworter eines Türkeibeitritts zu Wort kommen. So kann sich der Leser ein Urteil bilden - ob er es mit Winkler und Wehler hält oder aber mit dem Historiker Dan Diner. Ihm zufolge würde eine Einbindung der Türkei "die säkularisierenden Tendenzen im Sinne einer Konfessionalisierung des Islam als bloßen Glaubens und im Unterschied zu einer allumfassenden und totalitäre Züge tragenden Religion stärken" - als Signal an fundamentalistische Islamisten im Nahen Osten und mittelfristig zum Nutzen europäischer Sicherheit.

Seite 1:

Die Stunde der Wahrheit

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%