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Die Suche nach dem verschwundenen Käse

Es gibt Ortsnamen, da muss man zweimal hinschauen um sich zu vergewissern, dass es sie tatsächlich gibt. Etwa Orte mit einem "Ha! Ha!", und zwar mit Ausrufezeichen. Als wir vor ein paar Jahren in Quebec erstmals von Riviere-du-Loup am St.

Es gibt Ortsnamen, da muss man zweimal hinschauen um sich zu vergewissern, dass es sie tatsächlich gibt. Etwa Orte mit einem "Ha! Ha!", und zwar mit Ausrufezeichen. Als wir vor ein paar Jahren in Quebec erstmals von Riviere-du-Loup am St. Lorenz-Strom Richtung New Brunswick fuhren, kamen wir an einem Städtchen vorbei, das "Saint-Louis-du-Ha! Ha!" heisst. Jetzt stieß ich auf die Gemeinde La Baie und sie liegt, man ahnt es schon, an der "Baie des Ha! Ha!", also an der "Ha! Ha!-Bucht".

Es gibt aber auch Geschichten, da muss man zweimal nachfragen, ob sie tatsächlich wahr sind oder nur der Versuch, andere auf den Arm zu nehmen, um sich dann vor Lachen zu schütteln: Ha! Ha! Eine solche Geschichte ereignete sich jetzt in La Baie am Sagenay-Fluss in Quebec. Dort hat Luc Boivin seine Käsefabrik, seine Fromagerie Boivin. 85 Mitarbeiter hat er und verarbeitet jährlich rund 17 Millionen Liter Milch zu 1,7 Millionen Kilogramm Käse. Jetzt machte er Kanada-weit Schlagzeilen. Denn er hatte im vergangenen Herbst 800 Kilogramm Cheddar-Käse in der Baie des Ha! Ha! versenkt, auf dass er im kalten Wasser reife. Und nun ist der Käse spurlos verschwunden - trotz des Einsatzes von Tauchern und Hightech-Suchgeräten.

"Es ist alles ernst und wahr", versichert mir Luc Boivin. Der Name "Ha! Ha!" mag im wahren Sinne des Wortes lachhaft sein, ist aber ein altes französisches Wort, das Sackgasse oder unerwartetes Hindernis bedeutet, sagt Boivin, und so erklärt es auch der Almanach kanadischer Ortsnamen. Denn der Sagenay gabelt sich an dieser Stelle. Der rechte Arm führt weiter in den Lac St. Jean, der linke Arm aber ist nur eine Bucht. Frühe Siedler, die mit ihren Kanus in die Bucht einfuhren, um auf den Wasserwegen weiter in das Land vorzudringen, befanden sich plötzlich in einer Sackgasse und mussten umdrehen. Und so wurde aus der Bucht die "Baie des Ha! Ha!".

Im vergangenen Jahr hörte Luc Boivin von einem Fischer, dass ein Boivin-Käse, den dieser aus dem Sagenay gefischt hatte, der beste Käse gewesen sei, den er jemals gegessen habe. Das brachte Boivin auf die Idee, ein Experiment zu wagen: In zehn Plastikfässern versenkte er 800 Kilogramm Cheddar-Käse, den er in wasserdichte Beutel gepackt hatte. Sie sollten, umgeben vom zwei Grad kalten Wasser und unter Druck, dort weiter reifen. "Temperaturen um drei Grad sind gut für den Reifeprozess des Cheddar", erläutert er. Bestätigt fühlte er sich zudem von Studien, die besagten, dass Druck die Proteolyse, also den Abbau von Proteinen, beeinflusse.

In diesem Sommer wollte er die kostbare Fracht bergen. Aber die Fässer waren verschwunden. "Es ist mysteriös", sagte einer der Taucher, die bei der Suche halfen. Mehrere Tauchgänge wurden absolviert, Sonargeräte und Unterwasserkameras wurden eingesetzt. Schließlich gab Monsieur Bovin auf. "Es wurde zu teuer weiterzumachen." Irgendwann sei der Punkt erreicht, an dem es nur noch verrückt wäre weiterzusuchen. 50.000 Dollar hat die Suche bisher gekostet. Die Idee, ein U-Boot der kanadischen Marine einzusetzen, wurde angesichts der Kosten schnell fallen gelassen.

Als "Titanic der Käsewelt" bezeichnet die kanadische Zeitung "Globe and Mail" bereits die Geschichte vom verlorenen Cheddar-Käse und bezieht sich damit auf den Passagierdampfer Titanic, der 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg sank und erst 1985 im eisigen Atlantik entdeckt wurde. Damit enden aber die Vergleichsmöglichkeiten, denn eine Tragödie ist der Untergang des Käses nicht - allenfalls eine Komödie, die Kanada erheitert. Waren es Fische, die Cheddar mögen, oder Käseschmuggler, fragt die "Globe". Vermutlich war es das Eis im Winter, das die Käsefässer aus ihrer Verankerung riss. "Es ist wie eine Schatzsuche. Es hat viele fasziniert", sagt Boivin.

Nach dem Fehlschlag will er nicht aufgeben, sondern einen neuen Versuch starten, bevor der Fluss zufriert. Mit Containern aus rostfreiem Stahl, die fester verankert werden sollen, damit sie sich nicht selbstständig machen. Bei der Provinzregierung Quebecs hat er eine Sondergenehmigung für die ungewöhnliche Käseproduktion beantragt. Sein Ziel ist klar: "Wir wollen eine neue Produktionsmethode für einen neuen Käse finden." Eigentlich ärgert sich Luc Boivin über den Verlust von 800 Kilogramm Käse, aber wenn man mit ihm spricht, kann er sich ein Lachen doch nicht verkneifen. Ha! Ha!

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