Die Suche nach einem Nachfolger für den Palästinenserchef wird schwierig
US-Attacken stärken Arafats Position in Palästina

Die Amerikaner werben auf politischer Ebene für eine Ablösung von Palästinenserchef Jassir Arafat. Die EU sieht in ihm jedoch weiterhin einen Gesprächspartner. Beobachter warnen davor, dass die möglichen Nachfolger Arafats eine radikalere Haltung an den Tag legen könnten, um sich zu profilieren.

TEL AVIV. Der für den Nahen Osten zuständige amerikanische Staatssekretär William Burns, der gestern in London eintraf, will in Gesprächen mit Vertretern Russlands, der EU und der Uno die Zeit nach der Ablösung Arafats vorbereiten. Er will sie von der Dringlichkeit überzeugen, Jassir Arafat als Vorsitzenden der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) abzusetzen. Die US-Regierung unterstreicht damit, dass sie sich nur für einen unabhängigen Palästinenserstaat einsetzen will, wenn eine neue Führung an die Spitze der Autonomiebehörde steht. Gleichzeitig will Burns im "Quartett" auch nach Wegen suchen, um den Palästinensern finanziell beizustehen.

Nach Ansicht von Mohammed Dahlan kommt die Forderung der US-Regierung zum Sturz Arafats einem Aufruf zum Staatsstreich gleich. Dahlan, der als ein potenzieller Nachfolger Arafats gehandelt wird, schrieb in einem gestern veröffentlichten Beitrag der britischen Tageszeitung "Guardian", es sei falsch, eine neue palästinensische Führung zu fordern oder Arafat zu kritisieren, wenn er sich "im Belagerungszustand" befinde und sieben Städte im Westjordanland wieder besetzt seien. "Solange die Israelis gegen Arafat sind, bin ich auf seiner Seite - unabhängig davon, welche Vorbehalte ich gegen einige Entscheidungen habe, die getroffen wurden", schrieb Dahlan. Die Forderung von Bush, Arafat abzusetzen, werde nur Arafats Wahlchancen erhöhen. Obwohl es an Arafat viel zu kritisieren gäbe, würden ihn heute neun von zehn Palästinensern wieder wählen, schätzt Dahlan. Die US-Regierung hatte erklärt, sie sehe in Arafat keinen Gesprächspartner mehr, selbst wenn dieser bei Wahlen bestätigt werde.

Auf dem G8-Gipfel in Kanada war es Präsident George W. Bush nicht gelungen, die Idee einer Absetzung Arafats durchzusetzen. Während die US-Regierung mit Arafat nicht mehr sprechen will, hat die EU den Palästinenserchef noch nicht völlig abgeschrieben. Sollte er im nächsten Jahr wieder gewählt werden, würde die EU weiterhin mit ihm zusammenarbeiten, erklärten führende EU-Politiker. Die Palästinenser haben als möglichen Wahltermin Januar 2003 angekündigt. Das würde allerdings voraussetzen, dass sich die israelischen Truppen, die jetzt mit Ausnahme Jerichos das ganze Westjordanland besetzt halten, vorher zurückziehen.

Negativ über Arafat äußerte sich gestern auch der israelische Außenminister Simon Peres. Israel müsse einen passenden Partner für den Krieg gegen den Terrorismus suchen oder kreieren. Später schränkte Peres seine Äußerungen allerdings ein und sagte, dass "wir uns mit Leuten um Arafat treffen sollten, weil der Dialog nicht unterbrochen werden sollte, nicht einmal für eine Minute." Israel dürfe auf keinen Fall einen Nachfolger für Arafat bestimmen.

Die Wunschvorstellung Washingtons, dass ein konzilianter Palästinenser die Nachfolge antritt, dürfte sich kaum erfüllen, warnen palästinensische Forscher. Nach einer Absetzung des gegenwärtigen Regimes könnte eine extremere und religiös orientierte Elite an die Macht kommen. Jeder Politiker, der das Erbe Arafats antritt, werde nämlich intern in einer viel schwächeren Position sein als Arafat. Um seine Popularität zu verbessern, könnte sich der Nachfolger als "Hardliner" profilieren, um damit zu beweisen, dass er mindestens so patriotisch ist wie Arafat.

Zudem wird Arafat wohl mehr als einen Nachfolger haben. Er ist Chef der Fatah, der größten politischen Partei, steht der PLO vor, präsidiert die Autonomiebehörde und kontrolliert den ganzen Sicherheitsapparat. Über eine derartige Machtfülle wird sein Nachfolger kaum verfügen. Eine Aufteilung all dieser Funktionen auf mehrere Köpfe wird die Entscheidungsfindung und das Regieren im Vergleich zu heute erschweren.

Der Nachfolger wird sich aus der regierenden Fatah-Partei rekrutieren, meint der Nahostspezialist Barry Rubin von der Bar-Ilan-Universität in der Nähe von Tel Aviv. Da die Schlüsselfiguren in der Fatah-Partei in Arafats Alter sind, wären sie nur eine Übergangslösung. Das erhöhe ihre Wahlchancen als Kompromisskandidaten, da sich jüngere Anwärter wie Dahlan Hoffnungen auf die nächste Runde machen könnten. Davon dürfte beispielsweise Abu Mazen profitieren. Nach dem Ausscheiden Arafats wäre er auf Grund der PLO-Statuten die neue Nummer Eins in der PLO. Ihm fehlt allerdings das Charisma, um heikle Entscheide im Volk durchzusetzen.

Als aussichtsreichster Nachfolger galt bis vor kurzem Abu Ala, der Sprecher des "Palestinian Legislative Councils" (PLC). In einem Interview hat ihn Arafat vor vier Monaten als Nachfolger erwähnt.

Auf Grund der Verfassung übernehme Abu Ala als oberster Parlamentarier die Regierungsverantwortung, bis in Neuwahlen die Nachfolge definitiv geregelt worden ist. Abu Ala, der als gemäßigter Politiker gilt, hat in der Fatah keine starke Basis.

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