Die technische Umsetzung der „Basel II“-Vorschriften verursacht kosten in Milliardenhöhe
Banken unterschätzen ihre IT-Kosten

Der Aufwand für Informationstechnologie könnte wegen der Anforderungen, die sich durch die neuen Eigenkapitalregeln ergeben, außer Kontrolle geraten. Vor allem kleine Institute sind gefährdet.

FRANKFURT/M. Die Banken versuchen derzeit mit aller Kraft, ihre Personalaufwendungen in den Griff zu bekommen. Allerdings laufen ihnen die Kosten an ganz anderer Stelle aus dem Ruder. Die Aufrüstung der Informationssysteme (IT) für die Ende 2006 geplante Einführung der neuen Eigenkapitalregeln - bekannt unter dem Stichwort Basel II - erweist sich als Herkulesaufgabe in Krisenzeiten.

"Die Investitionen für IT-Lösungen werden steigen, die Kosten werden oft unterschätzt", sagt Markus Bergmann, Bankenspezialist bei der Pass Consulting Group. Beim Bundesverband deutscher Banken gibt man sich dagegen gelassen: "Die Banken sind sich sehr bewusst, was auf sie zukommt", sagte ein Sprecher. Pass-Berater Bergmann glaubt, dass die gesamten Aufwendungen alleine für die deutsche Finanzwirtschaft im Milliardenbereich liegen. "Kleinere Banken können sich diese IT-Projekte nicht leisten", sagt Professor Jürgen Moormann, ein Experte von der Hochschule für Bankwirtschaft (HfB) in Frankfurt. Sie müssten auf ihren Standardsoftware-Lieferanten hoffen beziehungsweise auf ihre zentralen Verbundzentren.

Damit wachsen externe Abhängigkeiten, die "Zeitbombe" IT wird so auch zu einem Katalysator für den Konzentrationsprozess im Bankgewerbe. "Auch wenn die Banken versuchen, ihren absoluten IT-Aufwand zu drosseln, steigt er seit Jahren im Verhältnis zu den Gesamtkosten an, während der relative Personalaufwand stetig abnimmt", hat Moormann beobachtet. Der IT-Block mache derzeit 15 bis 20 % der Verwaltungsaufwendungen aus - bei langfristig steigender Tendenz. "Der Personalaufwand ist seit Jahren fallend und liegt nur noch bei 55 bis 60 %. Die Crux an der Sache ist, dass zwei Drittel der IT-Kosten für Systempflege- und wartung gebunden sind", sagt Moormann. Damit bleibe kaum Spielraum für Zusatzaufgaben.

Dabei ist der Kostenfaktor IT auch schon ohne die heiße Phase vor Basel II gewaltig. Nach einer konservativen Schätzung der HfB haben alleine die vier privaten Großbanken Deutschlands in 2001 rund sechs Mrd. Euro in Hard- und Software sowie interne und externe IT-Fachleute gesteckt - der gesamte Bankensektor 15 Mrd. Euro.

Für "Basel II" müssen die Kreditinstitute viele Hausaufgaben erledigen. Einmal müssen sie Rating-Verfahren entwickeln und umsetzen. Diese Maßstäbe für die Bonität der Kunden sind Grundlage für die Berechnung von Ausfallwahrscheinlichkeiten und damit der Kreditrisiken im Firmenkundengeschäft. Laut einer Studie von Pass Consulting haben zwar zwei Drittel der Banken bereits mit der Umsetzung von Basel II-Projekten begonnen, 80 % verfügen sogar schon über Rating-Konzepte. Auf der "informationstechnischen Ebene" seien dagegen Defizite festzustellen. Nur 20 % der Institute verfügten über geeignete Zeitreihen zur Schätzung von Kreditausfällen, ebenfalls erst ein Fünftel habe mit der Integration neuer IT-Lösungen begonnen. 60 % der Banken erwarteten zur Bewältigung der Aufgaben "sehr hohe Kosten".

"Zwar erscheint die Zeit bis zur Umsetzung der neuen Baseler Vorschriften in nationales Recht noch lang, tatsächlich müssen fundierte Lösungen aber schon heute angegangen werden", sagt Jens-Peter Jensen, Director Business Development beim Softwarehaus SAP. Zu den Herausforderungen zähle, dass die Banken die IT-Infrastruktur laufend an neue Anforderungen anpassen müssen, weil viele Details aus Basel noch fehlten - ein "moving target" also, was die Planbarkeit der Kosten erschwert. Zu den Aufgaben der Banken gehöre auch, den internen Kreditrisikoprozess mit externen Meldungen, vor allem an die Bankenaufsicht, zu verknüpfen, weiß man bei SAP. Die Walldorfer Softwareschmiede erwartet jedenfalls ein "deutliches Zusatzgeschäft". Insgesamt seien die Banken in Deutschland im europäischen Vergleich jedoch noch relativ gut vorbereitet.

Aber die Kreditrisiken sind nur eine Vorgabe aus Basel. Erstmals müssen auch "operative Risiken" mit Kapital unterlegt werden. Dazu zählen Betrugsdelikte durch Mitarbeiter, Hackerangriffe oder Betriebsstörungen von außen - angesichts des globalen Terrors ein "Thema von hoher Brisanz bei den Banken", wie ein Insider erklärt.

"Basel II liegt in der Dimension noch weit über die Euro-Umstellung hinaus", sagt Kurt Schilken vom Systemhaus Softlab. Allerdings dürfe man nicht nur die Kosten sehen; denn wer seine Risiken gut dokumentieren könne, der werde durch eine niedrigere Eigenkapital-Unterlegung belohnt. Außerdem können sich die Großbanken mit ihren IT-Investitionen auch neue Geschäftsfelder erschließen, etwa im Rating-Consulting. Zum Beispiel offerieren Deutsche Bank und Commerzbank Firmenkunden eine kostenpflichtige intensive Ratinganalyse und-beratung. Die Banken werden nach Ansicht von Experten dazu übergehen, ihre "Informationsschätze" zu heben und viel besser zu vermarkten, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Quelle: Handelsblatt

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