Die Telia-Chefin hat ihre Kritiker überzeugt
Marianne Nivert: Die eiserne Lady der Telekom-Branche

In einer Branche, in der sonst nur Männer das Sagen haben, hat sich Marianne Nivert durchgesetzt: Die Chefin des größten skandinavischen Telekomkonzerns Telia gilt als humorvolle, aber auch harte Spitzenmanagerin - was auch Verhandlungspartner zu spüren bekommen.

Der Spitzname, den die Mitarbeiter des schwedischen Telekomkonzerns Telia ihrer Chefin gegeben haben, klingt nach Behäbigkeit: "Tante Telia", so nennen sie Marianne Nivert. Doch diese Charakterisierung trifft überhaupt nicht zu, gilt Nivert doch als energische Spitzenmanagerin, die sich im harten Wettbewerb der Telekomfirmen knallhart durchzusetzen weiß. Und ohnehin: "Tante Telia", das wollen ihre Mitarbeiter eher als liebevollen denn als verletzenden Spitznamen verstanden wissen.

Marianne Nivert steht seit Februar dieses Jahres offiziell an der Spitze von Schwedens einstigem Telekom-Monopolisten, der heute der größte Anbieter der Branche in Nordeuropa ist. Sie kann noch auf eine weitere Exklusivität verweisen: Sie ist momentan die einzige Frau, die einen europäischen Telekomkonzern leitet.

Dabei war die 60-Jährige zunächst nur als Übergangslösung an der Spitze von Telia geplant, als im vergangenen Herbst ihr Vorgänger aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Aber dann überzeugte die studierte Ingenieurin nicht nur die gut 30 000 Mitarbeiter, sondern auch die Börse der schwedischen Hauptstadt. "Die Frau weiß, wo es langgeht", sagt ein Analyst in Stockholm. "Schade, dass sie nicht schon eher das Ruder übernommen hat." Denn schon nächstes Jahr verlässt sie Telia schon wieder: Nivert geht dann in Pension.

Nivert kennt sich in der Branche aus

Nach 40 Jahren in ein und demselben Unternehmen kennt Marianne Nivert nicht nur ihren Arbeitgeber genau, sondern weiß auch über die Branche Bescheid. "Als ich 1961 beim damaligen Televerket anfing, gab es für Frauen in Sachen Arbeitsplätze kaum Alternativen in Schweden", sagt sie heute. Nivert wuchs mit dem Unternehmen: Aus Televerket wurde Telia, aus der Regionalchefin die Personalchefin Nivert. Vor sechs Jahren wurde sie Mitglied des Aufsichtsrats.

"Ich strebe nicht nach Macht, aber Einfluss wollte ich schon immer haben", entgegnet sie all jenen, die ihr einen unbändigen Karrieredrang nachsagen. Vielleicht schlug sie deshalb keine Laufbahn als Gymnastiklehrerin oder Balletttänzerin ein - zwei Berufswünsche in ihrer Jugend.

Ihre engsten Mitarbeiter haben Respekt vor der Chefin, bescheinigen ihr, dass sie immer gut vorbereitet ist und schnell Beschlüsse fassen kann. Selbstsicher vertritt sie ihre Meinung. "Ist man anderer Auffassung als sie, muss man sich warm anziehen", warnt ein Mitarbeiter. Auch die Gewerkschaften bei Telia haben Nivert als eine zwar harte, aber kompetente und faire Partnerin schätzen gelernt.

Marianne Nivert hat bei Telia zumeist im Hintergrund gearbeitet. Erst als Ende 1999 der Konzern mit dem staatlichen norwegischen Telekomkonkurrenten Telenor fusionieren wollte, trat sie in das Licht der Öffentlichkeit - und dann gleich mit einem ungeahnten Getöse.

In der heimischen Presse hat sie keine Freunde

"Der Mann ist richtig daneben", polterte sie damals los. Gemeint war Telenor-Chef Tormod Hermanssen, der auch neuer Boss des Superkonzerns werden sollte. Sie warf ihm öffentlich mangelndes Führungsvermögen vor. Kurz darauf platzte die geplante skandinavische Allianz, und Nivert wurde in Schweden gefeiert. Hatte sie doch letztendlich eine Fusion verhindert, von der viele von vornherein nicht überzeugt waren.

In der norwegischen Presse hatte sie zu der Zeit allerdings kaum Freunde. Doch ansonsten steht ihr Verhältnis zum Nachbarn zum Besten, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass sie seit 26 Jahren mit Kai Lervik verheiratet ist, einem norwegischen Geschäftsmann, dem sie - nicht unumstritten - einige Millionenaufträge von Telia zugeschanzt hat.

Standhaftigkeit und gutes Krisenmanagement bewies sie auch, als ihr mittlerweile teilprivatisierter Konzern im vorigen Dezember völlig überraschend bei der Vergabe der vier UMTS-Lizenzen für den dritten Mobilfunkstandard in Schweden leer ausging. Nach einer kurzen Schrecksekunde - immerhin war es ein europäisches Novum, dass ein Ex-Monopolist in seinem eigenen Land keine UMTS-Lizenz erhielt - fasste sie sich schnell und fädelte eine Liaison mit dem ärgsten Konkurrenten und UMTS-Lizenzinhaber in Schweden, Tele2, ein.

Harte Schale - humorvoller Kern

Auf diese Weise kann Telia nun quasi im Huckepack doch noch im UMTS-Geschäft mitmischen. Nivert hat öffentlich erklärt, dass Telia seine Position als größter nordeuropäischer Konzern im Bereich Mobilfunk ausbauen wolle. Dazu seien auch Allianzen, Übernahmen oder Fusionen möglich. Jüngste Gerücht, wonach Telia unmittelbar vor einem Zusammengehen mit der finnischen Sonera stehe, spielt sie herunter. "Alle reden mit allen."

Raubeinig wirkt sie zunächst, manchmal sogar etwas rabiat, doch hinter der harten Schale verbirgt sich nach Aussagen ihrer engsten Kollegen ein humorvoller Boss. Und deshalb wird sie den Spitznamen "Tante Telia" ihren Mitarbeitern leicht nachsehen. Schwieriger wird es wohl mit dem Urteil macher zumeist männlicher Kritiker. Die nennen sie wenig schmeichelhaft "Madame Saddam".

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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