Die Tonlage zwischen den USA und Europa ist rauer geworden
Amerika führt – der Rest der Welt soll folgen

Offiziell werden mögliche Verstimmungen zwischen Amerika und Europa dementiert. Doch hinter den Kulissen knirscht es. Die Bush-Regierung verfährt nach dem Motto: "Im Zweifelsfall ist es besser, gefürchtet als geliebt zu werden." Das Pentagon prüft verschiedene Varianten eines Einsatzes gegen den Irak.

WASHINGTON. Der Beamte im US-Außenministerium wiegelt ab. "Nein, wir haben keine Probleme mit den Europäern. Wir halten sie über alles auf dem Laufenden", heißt es in weichgespülter Public-Relations-Sprache. Gleichzeitig fügt er hinzu: "Wir gehen jedoch nicht davon ab, das zu tun, was unserer Meinung nach richtig ist - selbst wenn unsere Freunde das anders sehen."

Keine Frage: Die Tonlage in den transatlantischen Beziehungen ist rauer geworden. Zwar verweist die amerikanische Regierung darauf, dass die Wogen auch in der Vergangenheit immer wieder hoch geschlagen seien, etwa beim Streit um das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz oder um die Todesstrafe. Doch spätestens seit den heftigen Reaktionen auf die Brandrede von US-Präsident George W. Bush gegen die "Achse des Bösen" sind die Empfindlichkeiten auf beiden Seiten gewachsen.

"Man hat zunehmend den Eindruck, dass die Europäer die Amerikaner weniger brauchen als früher und umgekehrt", sagt Jeff Gedmin, US-Außenpolitik-Experte und Direktor der Aspen-Instituts in Berlin. Gedmin spricht von einem "Teufelskreis sich gegenseitig hoch schaukelnder Wahrnehmungen": Die Bush-Regierung habe den Fehler gemacht, die Europäer über die "Phase zwei" im Krieg gegen den Terror zu wenig zu informieren. Umgekehrt würden die Europäer überreagieren und zum Teil in "dumpfen Antiamerikanismus" verfallen.

Die jüngste Kritik an einem möglichen US-Militärschlag gegen den Irak hat in Washington zu Verärgerung geführt. Vor allem die Breitseite von EU-Kommissar Chris Patten, der den Amerikanern einen "unilateral überdrehten Kurs" vorgeworfen hatte, ist übel aufgestoßen. "Warum hat sich Patten nicht ins Flugzeug gesetzt und seinem Ärger bei uns hinter verschlossener Tür Luft gemacht", beschwert sich ein Beamter des Weißen Hauses. "Stattdessen hat er Megafon-Diplomatie betrieben, um öffentlich Punkte zu machen." Der Seitenhieb von Außenminister Joschka Fischer, die Europäer seien keine "Satelliten" der USA, wurde mit Hinweis auf die bevorstehende Bundestagswahl niedriger gehängt.

Mit seiner Kampfansage an die "Achse des Bösen" hat Bush nach Ansicht von Experten eine Botschaft an Europäer, Russen und Chinesen gerichtet. "Die Marschroute lautet: Schließt euch der Kampagne der Amerikaner an, die Gefahr von Massenvernichtungswaffen auszuschalten", betont der Verteidigungs-Spezialist Antony Blinken vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien, einem einflussreichen Think-Tank in Washington. "Die US-Regierung wird bei ihrer Forderung, Waffeninspekteure der Uno in den Irak zu lassen, keinen Kompromiss machen." Die Amerikaner erwarteten von Europa in erster Linie politische, weniger militärische Unterstützung, so Blinken.



Bei einer möglichen Attacke gegen den Irak bauen die USA vor allem auf die Schützenhilfe von Großbritannien, Saudi-Arabien, der Türkei sowie einiger Golfstaaten. Wenn US-Vizepräsident Dick Cheney Mitte März elf Länder im Nahen Osten besucht, geht es nach Angaben aus dem Pentagon auch um die militärische Flankierung eines amerikanischen Einsatzes. Derzeit werden verschiedene Varianten geprüft, darunter auch eine Solo-Mission der USA.



Präsident Bush bleibt seinem Selbstverständnis nach Ansicht von Beobachtern treu. "Das Motto lautet: Washington führt, der Rest der Welt wird folgen. Daran haben auch die Terroranschläge vom 11. September keinen Jota geändert", erklärt James Lindsay von der Brookings Institution, einem Think-Tank in Washington. "Die Regierung denkt, im Zweifelsfall ist es besser, gefürchtet als geliebt zu werden."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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