Die traditionelle Klientel der FDP wendet sich ab
Mittelstand gegen Möllemann

Der Streit zwischen der FDP und dem Zentralrat der Juden, der sich mehr und mehr auf eine Auseinandersetzung zwischen Jürgen Möllemann und Michael Friedman konzentriert, sorgt in der FDP-nahen Wirtschaftsklientel für Unmut: Mittelständler fordern die Liberalen auf, endlich wieder auf ihr ureigenes Terrain zurückzukehren. Anderenfalls drohe nach den Wahlen eine große Koalition.

Während Friedman und Möllemann weiter Öl ins Feuer gießen, wendet sich

BERLIN. Hans Stein ist verärgert. "Wenn Möllemann so weitermacht", schimpft der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer (ASU), werde die gesamte Wahlkampfstrategie der Liberalen von der Frage überlagert, "ob die FDP zur Liste Pim Fortuyn Deutschlands wird". Die Folge wäre womöglich eine große Koalition, "weil weder CDU noch SPD mit der FDP koalieren wollen", fürchtet der Geschäftsführer der ASU, bei deren Mitgliedern die FDP traditionell hoch im Kurs steht.

Stein steht mit seinem Unmut nicht allein. Auch aus anderen Wirtschaftsverbänden, in denen die FDP bislang besonders wohlgelitten ist, dringt herbe Kritik an der Debatte um Antisemitismus und "Haiderisierung" der FDP. Während Möllemann nach eigenen Angaben Tausende von ermunternden Zuschriften erhält, erntet er bei Mittelständlern und Freiberuflern Kopfschütteln. Bei Ärzten, Rechtsanwälten oder Steuerberatern zum Beispiel schadet die Debatte der FDP "mit Sicherheit", ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der freien Berufe (BFB), Arno Metzler, überzeugt. Er hegt die "ganz große Befürchtung", dass Möllemann die FDP "in ein falsches Fahrwasser lenkt".

Die Sorgen dieser Klientel müssten bei der FDP im Thomas-Dehler-Haus eigentlich die Alarmglocken schrillen lassen. Denn unter Freiberuflern ist das Projekt 18 längst übererfüllt: 23 Prozent von ihnen wählten laut einer Studie des BFB zuletzt FDP. Die Liberalen lagen damit vor der SPD. Unter den Medizinern sind es noch mehr - bei den Zahnärzten sogar fast 40 Prozent. Wenn FDP-Chef Guido Westerwelle - "als Anwalt über seine Kammer selbst Mitglied bei uns" - diese Klientel auch weiterhin auf seiner Seite haben wolle, müsse er jetzt "ganz schnell für eine Klärung mit Möllemann sorgen und die FDP wieder auf moderate Linie bringen", rät Metzler dem Parteichef.

Auch der Vorsitzende der parteiunabhängigen Bundesvereinigung liberaler Mittelstand, Heinrich Kolb, macht sich große Sorgen: Selbst wenn die von Möllemann losgetretene Debatte, "die sich mit jedem seiner Auftritte perpetuiert", unterm Strich keine Stimmen koste, schade sie. "Wenn sich reihum mögliche Koalitionspartner distanzieren, senkt das die Preise in Koalitionsverhandlungen", orakelt der Unternehmer, der im Bundestag liberale Politik macht. "Dann können wir uns etwa gegen die Sozialausschüsse der Union in Sachen Kündigungsschutz, Traiftreue oder Mitbestimmung noch weniger durchsetzen. " Zurückhaltend äußert sich der Präsident des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven. Für ihn ist nach wie vor die "liberale Wirtschaftspolitik entscheidend", die alle zentralen Wünsche des Verbandes erfüllt. Allerdings plädiert auch Ohoven für "mehr diplomatisches Geschick von beiden Seiten".

Ansonsten heißt es unisono, die FDP solle sich auf ihre Kernthemen besinnen. Die Debatte "hat die brennendsten Probleme, Konjunktur und Arbeitslosigkeit, nach hinten katapultiert - und das ausgerechnet bei der FDP", kritisiert Max Schön, Präsident bei der ASU. Ihren Hang zur Radikalität sollten Möllemann und seine Unterstützer "lieber beim Abbau von Bürokratie und Steuern ausleben", rät Metzler vom BFB. Möllemann selbst solle sich in der Gesundheitspolitik profilieren, für die er eigentlich zuständig ist, empfiehlt Stein von der ASU. Dort biete sich ihm "ein weites Feld für Tabubrüche". Sein Präsident Schön beneidet die FDP nicht: "Wer Möllemann als Vize-Vorsitzenden hat, der braucht keine Feinde".

Diese Einsicht macht sich offenbar auch in der Partei selbst breit. Generalsekretärin Cornelia Pieper, die Möllemann noch am Vortag gegen Vorwürfe anderer Parteien verteidigt hatte, kritisierte ihn gestern nun mit Blick auf seinen Streit mit dem Zentralrat der Juden scharf und verlangte "eine unmissverständliche Klarstellung". Der FDP-Bundestagsabgeordnete Dirk Niebel forderte ihn auf, sich an Parteibeschlüsse zu halten oder auszutreten. Möllemann selbst dagegen sieht sich unangefochten: "Ich kann mich über den Rückhalt in meiner Partei nicht beschweren."

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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