Die Trennung von Biotech-Beteiligungen spült viel Geld in die Kassen
Biotech-Verkäufe bringen Milliardeneinnahmen für Pharmafirmen

Für die IT-Branche sind Erträge aus Beteiligungsverkäufen inzwischen fast schon Routine. Nun schickt sich auch die Pharmabranche an, die versteckten Schätze ihrer Biotech-Engagements zu heben. Große Verkäufe wie jetzt beim US-Konzern American Home bleiben aber noch die Ausnahme.

FRANKFURT/M. In der engen Beziehung zwischen der Arzneimittel- und der Biotech-Industrie flossen die Gelder bislang vor allem in eine Richtung: Allianzen mit den Pharmariesen bescheren den jungen Biotech-Unternehmen Finanzmittel für die Forschung und Reputation für den Kapitalmarkt. Große Kooperationen treiben so mitunter die Kurse der beteiligten Biotechfirmen und sind für Newcomer unabdingbare Voraussetzung für den Weg aufs Börsenparkett. "Wir machen die Biotech-Unternehmen reich", beschrieb Wolfgang Hartwig, Leiter der Bayer-Pharmaforschung, kürzlich den Effekt.

Der Satz gilt inzwischen aber auch umgekehrt. Denn mit dem Börsenaufschwung im Biotech-Sektor sind in den Beteiligungs-Portfolios der Pharmariesen einige Schätze herangereift, die nun die Begehrlichkeit der Finanzchefs wecken. Jüngstes Beispiel: Der US-Konzern American Home Products (AHP) kündigte an, seine Mehrheitsbeteiligung beim Biotech-Unternehmen Immunex von 55 auf 43 % zu reduzieren. Der Verkauf von bis zu 50 Mill. Immunex-Aktien wird etwa 2,4 Mrd. $ und einen fast ebenso hohen Sondergewinn in die AHP-Kasse spülen.

Auch der britische Pharmariese Glaxo Wellcome besserte seine Ertragsrechnung im vergangenen Quartal auf: durch den Verkauf von 2 Millionen Aktien des Biochip-Spezialisten Affymetrix. Und nach Informationen aus der Biotech-Branche, plant die Bayer AG, ihre 11 %ige Beteiligung am aufstrebenden US-Biotech-Konzern Millenium zu reduzieren. Deren Wert hat sich in den vergangenen beiden Jahren verzehnfacht. Ein Sprecher des Leverkusener Unternehmens wollte dazu keine Aussage machen.

Besonders erfolgreich beim Jonglieren mit Biotech-Anteilen war der schweizer Roche-Konzern. Er erwarb bereits 1990 eine Kapitalmehrheit bei Genentech, nutze im vergangenen Jahr eine Option zur vollständigen Übernahme, und brachte anschließend in mehreren Tranchen 41 % des amerikanischen Biotech-Pioniers wieder an die Börse. Die Platzierung hat sämtliche Investitionen in Genentech wieder hereingeholt und fast 5 Mrd. $ Buchgewinn beschert. Der verbleibende Genentech-Anteil wird an der Börse noch mit fast 25 Mrd. $ bewertet.

Noch ist es zu früh, von einem breit angelegten Trend zu sprechen. "Diese Unternehmen hatten jeweils spezifische Gründe für die Verkäufe", erläutert Pharma-Analyst Stewart Adkins von der Investmentbank Lehman Brothers. Roche etwa musste hohe Belastungen für Kartellstrafen ausgleichen, AHP benötigt Liquidität für milliardenschwere Schadenersatzforderungen.

Auch bleibt es einstweilen schwierig, den Umfang der stillen Reserven in den Pharmabilanzen zu schätzen, da viele kleinere Beteiligungen nicht offengelegt werden. Einen Hinweis geben allenfalls Äußerungen wie die des Glaxo-Finanzchefs John Coombe, wonach der Konzern weitere 1,5 Mrd. $ Gewinn aus seinen Investments realisieren könnte.

Die Mehrzahl der Beteiligungen resultiert gewissermaßen als Nebenprodukt aus den Forschungsallianzen zwischen Biotech- und Pharmaunternehmen. Etwa in einem Viertel aller Deals verpflichten sich die Pharmahersteller neben direkten Zahlungen und erfolgsabhängigen Leistungen auch zum Kauf von Aktienpaketen.

Wie gut diese Gelder zuweilen angelegt sind, konnte man in vergangenen Wochen im Falle der Verbindung Bayer und Lion Bioscience beobachten. Der 7 %ige Anteil, den Bayer vor einem Jahr beim Bioinformatik- Spezialisten erwarb, ist nach dem erfolgreichen Börsengang von Lion bereits gut 80 Mill. Euro wert - nicht viel weniger als das Volumen der Forschungsallianz zwischen beiden Unternehmen.

Nachdem die Zahl der Kooperationen in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist, dürften bei den führenden Pharmaunternehmen inzwischen Dutzende solcher kleineren Biotech-Beteiligungen bestehen. Immer häufiger engagieren sich große Pharmakonzerne inzwischen auch in der Frühphasen-Finanzierung von Biotech-Firmen.

Unternehmen wie Astra-Zeneca und oder Novartis haben dazu eigene Fonds etabliert. Auch die Pläne von Schering und Novo Nordisk, eigene Biotech-Aktivitäten an die Börse zu bringen, zeigen den wachsenden Appetit der Pharmabranche, finanziell mehr aus ihren Biotech-Engagements herauszuholen. Auf längere Sicht dürften sie damit auch als Finanzakteure wachsenden Einfluss im Biotech-Sektor entfalten. Welche Wirkung davon ausgehen kann, konnten Anleger am vergangenen Donnerstag erleben.

Die Ankündigung von AHP, ihren Anteil bei Immunex zu reduzieren, bescherte nicht nur der Immunex-Aktie einen Kursrückgang von rund 14 %, auch der gesamte Sektor geriet unter Druck. Biotech--Anleger sind vor diesem Hintergrund gut beraten, nicht nur die Forschung von "Big Pharma" im Auge zu behalten, sondern auch die Aktivitäten der Finanzvorstände.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%